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"Zeitstrände" erkunden - zur historisch-politischen
Didaktik von Studienreisen nach Mittelosteuropa - Paul
Ciupke
Grenzüberschreitende politische Bildungsarbeit
ist ein eher neues Signum für Veranstaltungsformen in der politischen
Jugend- und Erwachsenenbildung, die man früher pauschal unter
die Begriffe Studienreise oder Begegnungsseminar eingeordnet hat.
Reiseseminare sind - in der Regel zu Unrecht - in den Verruf gekommen,
unter dem Deckmantel der Erwachsenenbildung eher gehobenen Erlebnis-
und Unterhaltungsbestrebungen als dem Bildungszweck zu dienen. So
schrieb Ursula Sauer vor wenigen Jahren: "Die Praxis der Studienreisen
muß sich die Kritik gefallen lassen, daß sie unkritisch
und unpolitisch ist." (Sauer 1991, S. 53) Dies ist eine pauschalisierende
Kritik, die allerdings in Kreisen der Politik und Verwaltungen offenbar
geteilt wird.
Infolgedessen wurden auch in den 90er Jahren die gesetzlichen Rahmenbedingungen,
so etwa in der Ländergesetzgebung zum Bildungsurlaub, und die
finanziellen Förderungen durch Weiterbildungsgesetze etc. wie
auch die entsprechenden Verwaltungsbestimmungen derartig eingegrenzt
oder ganz zurückgefahren, dass manchmal sogar Tagesexkursionen
kaum noch erlaubt sind, - so z.B. beim Bildungsurlaubsgesetz und
seinen Ausführungsbestimmungen in Niedersachsen, wo maximal
2 Unterrichtsstunden am Tage außerhalb der Schulräume
stattfinden dürfen.
Dies steht in einem eigentümlichen Kontrast sowohl zu den
gesellschaftlichen und politischen Trends als auch zum empirisch
wahrnehmbaren Teilnahmeverhalten, nämlich
- der Attraktivität für die Teilnehmenden, den Schulort
zu verlassen,
- den pädagogischen Chancen von Veranstaltungsarrangements
mit besonderen und wechselnden Lernorten
- und der Europäisierung und Globalisierung unseres Alltags,
des gesellschaftspolitischen Handlungsrahmens und Erinnerungshorizontes.
Historische Impressionen
Deshalb ist es besonders instruktiv, sich zunächst ein paar
knappen Geschichtsimpressionen hinzugeben, die zeigen, inwiefern
der Aufklärungsgedanke mit Überschreiten räumlicher
Grenzen, dem Reisen und dem Habitus des Entdeckens, Erkundens und
Begegnens verwoben war und ist. Das Zutrauen zu den Sinnen und zum
Denken, zur eigenen Beobachtungs- und Analysefähigkeit sprengte
nämlich in der Neuzeit den Zirkel hergebrachter Überzeugungen
und Tradition gewordener Wissensbestände.
Die adlige Kavalierstour, die Bildungsreisen des neuen Bildungsbürgertums
im 18. und 19. Jahrhundert (Glaubitz 1997, S. 328ff), die Walz der
Handwerksburschen und das gesellige Wandern im Wandervogel, die
Fahrten der bündischen Jugend und der Volkshochschulen in den
Zwischenkriegsjahren (Amlung u.a. 1993) und die Arbeiterbildungsreisen
der Weimarer Jahre, z. B. des Arbeiterbildungsinstitutes in Leipzig,
stellen einige Beispiele milieu- und lebenstilbezogener Formen des
Lernens durch Ortsveränderung und Grenzüberschreitung
dar. Grenzüberschreitende politische Bildung hatte allerdings
in den 20er Jahren oft auch das Ziel der Unterstützung des
deutschen Volkstums im europäischen Ausland.
Die Bemühungen der Alliierten, der Quäkerorganisationen
und von Remigrantengruppen in den 50er Jahren den jungen Menschen
und der künftigen westdeutschen Elite, dabei besonders auch
den Lehrern und Erwachsenenbildnern, durch Reisen nach England,
Schweden und den USA die Grundsätze und Lebenswirklichkeit
der westlichen Demokratie nahezubringen (vgl auch Albrecht u.a.,
1999, S. 387), sind ebenso als Angebote der grenzüberschreitenden
politischen Erwachsenenbildung zu klassifizieren und stellen zugleich
den neuen Urgrund einer ausdifferenzierten demokratischen politischen
Bildung in der Bundesrepublik dar. Sie trafen zudem auf eine ausgeprägte
Europa- und Amerikabegeisterung in der Nachkriegsjugend (Reulecke
1997).
Zu dieser Geschichtsleiste gehören schließlich auch
die in den 60er Jahren beginnenden Studienreisen nach Israel, Polen,
Tschechien und anderen mittelosteuropäischen Staaten, die in
der Regel den Besuch der zum Teil schon vorhandenen Gedenkstätten
des NS einschlossen und eine Hinwendung zu den Verbrechen der NS-Herrschaft
in Europa und eine allmählich sich thematisch und methodisch
vielfältig ausfächernde Beschäftigung mit dem NS-Thema
anzeigen. Besonders die Landesarbeitsgemeinschaften von Arbeit und
Leben in Nordrhein-Westfalen und Hessen haben hier eine Vorreiterrolle
gespielt ( Jelich u.a. 1995, S. 137ff und Jelich u.a. 1999, S. 69ff
). Dabei wirkte auch die in der zweiten Hälfte der 60er Jahre
einsetzende neue Ostpolitik beschleunigend.
Zu erinnern ist schließlich aber noch an etliche Heimvolkshochschulen,
Jugendbildungsstätten und Jugendgemeinschaftsdienste, die seit
den 50er Jahren internationale Seminare und Begegnungen zum programmatischen
Kern ihres Angebotes gemacht haben und bei denen schon im Namen
die Absicht deutlich wird wie z. B. beim Internationalen Arbeitskreis
Sonnenberg im Harz (vgl. Roloff 2000).
Den besonders motivierenden Reiz und pädagogischen Charme
beziehen Studien- und Begegnungsreisen aus den im didaktischen Arrangement
bewußt eingesetzten Wechsel von spezifischen Orten und dem
Mix von Erkundungen, Besichtigungen, Begegnungen, Personenbefragungen,
Vorträgen, Gesprächen und Reflexionsphasen. Dies alles
ermöglicht, wie noch später zu zeigen sein wird, eine
quasi multiple Identität und eine erweiterte Perspektivenvielfalt
für die Teilnehmenden: Sie sind - als Erwachsene - in ihrer
Rollenwahrnehmung nicht nur auf das in der Regel aus der Schule
hergebrachte und subjektiv klischierte Deutungsschema des Lernens
beschränkt, sondern erfahren sich auch als Flaneure, Touristen,
Entdecker, Empiriker, gefragte Gesprächspartner, Experten (etwa
für das eigene Herkunftsland), Gäste und als Angehörige
von Kollektiven, denen man sich vor der Veranstaltung nicht immer
bewußt war. Teilnehmer einer Studienreise entwickeln deshalb
einen besonders aktiven und investigativen Lernhabitus. An die in
den jüngeren andragogischen Diskursen favorisierten neuen didaktischen
Leitbegriffe wie z.B. entdeckendes Lernen, Ermöglichung, informelles
Lernen oder Lernen en passant, Erlebnisorientierung oder Biographizität
finden die Arrangements von Bildungsreisen leicht Anschluss.
Im folgenden werden Ausschnitte zur subjektiven Aneignungstätigkeit
angerissen, es sind Beobachtungen mit allenfalls partieller Systematisierung.
Die hier skizzierten Modelle erheben nicht den Anspruch auf Vollständigkeit
und Ausschließlichkeit.
Ostmitteleuropäische Zeitstrände
und historische Perspektivwechsel
Um obige Ausgangsthese zu erläutern und Mißverständnisse
zu vermeiden, es handele sich hier nur noch um eine formale Bildungstheorie,
in der die Inhalte als vernachlässigenswert betrachtet werden
könnten, skizziere ich zunächst den praktischen Hintergrund
und Erfahrungsgehalt meiner Überlegungen und reichere die Hinweise
zu Methodik und Aneignung mit Beispielen an. Seit ca. 15 Jahren
plane und leite ich Veranstaltungen in den europäischen Regionen,
die früher unter den Bezeichnungen Osteuropa und Sowjetunion
zusammengefaßt wurden und die heute differenzierter mittelosteuropäische
Staaten oder Transformationsgesellschaften genannt werden: Länder
wie Polen, Tschechien, Ungarn, Lettland, Rumänien, Ukraine
und Rußland. Diese Studienseminare dauern zwischen 8 und 14
Tagen, finden an verschiedenen, natürlich bewußt ausgewählten
Orten des jeweiligen Landes statt, etwa in der Ukraine in Lemberg,
Odessa und Kiew, und beinhalten u. a. historische Führungen
und Erkundungen, Gedenkstättenbesuche, Betriebsbesichtigungen
und an historischen, aktuell politischen und sozialen Themen ausgerichtete
Vorträge und Gespräche mit Zeitzeugen, Wissenschaftlern,
Journalisten, Gewerkschaftern, Politikern und Vertretern von Nichtregierungsorganisationen.
Die Themenstellungen und Fragerichtungen im Gefüge des politischen
Interesses an diesen Regionen haben sich im Laufe der letzten 20
Jahre erheblich bewegt. Das Datum 1989 spiegelt eine Zeitenwende,
auch wenn vorher schon viele Fragen zur Tiefenstruktur mittelosteuropäischer
Geschichte Beachtung fanden. Vor 1989 reizte natürlich vor
allem der (wie auch immer) authentische Blick in den Zustand und
das Funktionieren realsozialistischer Gesellschaften, ohne damit
eine heimliche oder deutlich offene Faszination für das Modell
unterstellen zu wollen. Das gab es natürlich auch, aber solche
Sehnsüchte fanden in der Regel andere Wege der Bestätigung
und Erfüllung. Mittelosteuropa bis zum Ural war verschlossen,
jedenfalls für individuelle Erkundungsversuche; Gruppenreisen
stellten den einfachsten Weg dar, zu diesen Ländern und Gesellschaften
Kontakt aufzunehmen und Einblicke zu erlangen. Außerdem gab
es genügend erinnerungspolitische und friedenspolitische Reiseanlässe.
Seit Mitte der 80er Jahre begann der aufbrechende Perestroika-Prozeß
den aufmerksamen Beobachter zu reizen. Stillgestandene Zeit beschleunigte
sich; eine perennierende Periode, wenige Jahre nur dauernd, faszinierte
und bot die einzigartige Gelegenheit, historische Umbrüche
mitzuerleben und - wenn man in die Regionen gelangte - vor Ort im
Detail zu studieren. In dem durch Blöcke zerteilten und damit
blockierten Europa setzte ein rapider politischer Gärungsvorgang
ein, der zur Auflösung bis dahin für kaum auflösbar
und monolithisch gehaltener Strukturen führte - ein nicht immer
und überall, aber im wesentlichen doch positiv ausgegangenes
gesellschaftspolitisches Veränderungsprojekt mit reichhaltig
sich eröffnenden Blickachsen auf Geschichte in vielfältig
dimensionierten Perioden und Ereignislagen - und einen von "Trümmern
übersäten östlichen Zeitstrand" (Baier 1995,
S. 18) freilegte.
Geschichte war und ist dort allgegenwärtig: man stolpert über
Massengräber, Gedenkorte, Nationaldenkmäler und Gegenwartsinterpretationen,
die von geschichtlichen Ereignissen zeugen und von historischen
Argumenten und Deutungen nur so strotzen. Der Historiker Dan Diner
hat versucht, nichts weniger als die Weltgeschichte gegen den Strich
zu lesen, um das 20. Jahrhundert zu verstehen - er hat vorgeschlagen,
dies von der südosteuropäischen Peripherie aus zu tun,
der großen Treppe von Odessa (Diner 1999). Europäisches
Denken zentriert sich wie selbstverständlich auf Nordsee und
Atlantik. Die Ostsee oder das Schwarze Meer werden selten als Zusammenhänge
stiftende Politikräume wahrgenommen. Wer weiß schon zum
Beispiel, dass im 19. Jahrhundert von Odessa die Initiativen zur
Gründung dreier Staaten, nämlich Griechenlands, Bulgariens
und Israels, ausgingen ?
Gegenwartsdeutungen sind in Mittelosteuropa stets mit vor allem
national akzentuierten historischen Narrativen aufgeladen. Der Sozialismus
hat die identitätsstiftenden Traditionsbestände früherer
Epochen oft nur zugedeckt und damit bewahrt, deren Reanimation im
Zuge des Zerfalls der alten Legitimationen verlängert aber
eine (teilweise trotz aller Reden vom Internationalismus auch vom
Kommunismus untergründig gepflegte) nationale Autozentrierung,
die im Prozess der Globalisierung und Europäisierung auch problematische
Konfliktwirkungen hervorbringen und auf Westeuropa ausstrahlen kann.
Was Habermas als universale Gegenwartsdiagnose die "postnationale
Konstellation" nennt, ruft aber in Rumänien, der Ukraine
oder Polen auch unter Intellektuellen eher Unverständnis und
Abwehr hervor.
Immer aber begegnet man in Mittel- und Osteuropa der deutschen
Geschichte, vornehmlich natürlich der Periode der NS-Zeit,
aber auch viele weniger unerfreuliche Ereignisketten und Verbindungen
zu Deutschland haben Spuren hinterlassen. Man muß auch zur
Kenntnis nehmen, dass die sowjetische Herrschaft nicht weniger düster
sich in das kollektive Gedächtnis der dortigen Gesellschaften
eingelassen hat und deshalb die Furcht vor Relativierung, wie sie
im deutschen Diskurs um die Besonderheit des Nationalsozialismus
(natürlich auch im Hinblick auf die Labilität des eigenen
nationalen Lernprozesses) nistet, z. B. in Polen wenig nachvollzogen
wird. Der Diktaturenvergleich, nicht deren Gleichsetzung, die Inbezugsetzung
der Herrschaftsformen sind selbstverständlicher Bestandteil
des Diskurses, problematisch ist aber das häufige Weiterbestehen
von dichotomischen politischen Weltbildern: "Die da oben und
wir da unten".
In Mittelosteuropa lernt man die Katastrophen des 20. Jahrhunderts
anders sehen, Perspektiven relativieren sich und neue Bestürzungen
tun sich heute auf, etwa wenn man in manchen Staaten die reale Trostlosigkeit
des politischen und ökonomischen Transformationsprozess 10
Jahre nach dem Ende des Sozialismus und die ungeheuren Erwartungen
an die Europäische Union zur Kenntnis nehmen muß. Aber
andersherum wird der Bildungsreisende erkennen, dass hier Europa
immer schon war und ist.
Orte und Dramaturgien
Ob bewußt geplant oder nicht, jede Studienreise besitzt eine
Dramaturgie mit örtlichen Stationen, die, um im Bild zu bleiben,
einzelnen Akten nahekommen, mit typischen Spannungswechseln und
Rhythmisierungen und in der Regel einer Logik der Steigerung.
Es können mehrere Regionen und Städte in einem Land angesteuert
werden und in den Städten differenzieren sich weitere lokale
Stationen aus, die bestimmte Lernchancen bereithalten. Städte
und Landschaften in Mittelosteuropa besitzen in der Regel nicht
nur eine historische Architektur und wechselhaft multikulturelle
Vergangenheit, sondern auch eine Literatur mit einer Ausstrahlung
und Rezeptionsdichte, die diese Landstriche und Städte oft
zu Mythen machen: etwa Galizien, Wilna, Czernowitz oder auch Odessa.
In der räumlichen Dimension offenbaren sich Geschichte und
gegenwärtiger Alltag, sie enthält einen Bildungsgegenstand
und ein spezifisches Anmutungs- und Anregungspotential, das in dem
didaktischen Arrangement des Reiseseminars fruchtbar gemacht wird.
Neuere europäisch-vergleichende Untersuchungen zu den Methoden
historisch-politischen Lernens bei Schülern haben gezeigt,
dass Museen und historischen Stätten (im Vergleich zu den Lehrern,
Zeitzeugen, Dokumenten Romanen, Quellen, Spielfilmen) das meiste
Vertrauen entgegen gebracht wird, mehr noch als Zeitzeugen oder
Fernsehdokumentationen (von Borries 2001, S. 11). Ähnliches
Verhalten darf man gewiß auch für Erwachsene annehmen.
Der Ort als auratischer und authentischer Künder des Ereignisses?
Dem gilt es natürlich zugleich auch zu mißtrauen. Orte
haben in ihrer historischen Entwicklung vielfältige Veränderungen
erfahren, über manches ist - im wahrsten Sinne des Wortes -
Gras gewachsen. In Orten sind aber Zeitschichten und soziale Strukturen
vergegenständlicht, deshalb regen sie in besonderer Weise zu
einer Auseinandersetzung an und rufen Imaginationen, Erstaunen,
Reflexionen und Enttypisierungen hervor.
Orte sind als Lernorte zu unterscheiden zwischen dem Ort als solchem,
z. B. einer Stadt wie sie alltäglich lebt und arbeitet, und
schon unter Vermittlungsaspekten aufbereiten Orten, wie z.B. Gedenksteine,
Gedenkstätten und Museen. Aber auch eine Führung durch
die Stadt arbeitet mit Leitgedanken und versucht Zusammenhänge
zu zeigen und zu benennen: So kann eine Stadt durch die Brille literarischer
Rezeptionen, unter dem Gesichtspunkt vergangener revolutionärer
Ereignisse oder in der Multiperspektivität national unterschiedlich
orientierter Narrative erkundet werden.
Museen, Archive und Gedenkstätten haben ohnehin als Lernorte
an Anerkennung und Nutzung gewonnen, sie bilden ein offenes Arrangement,
verstehen sich als Vermittlungsinstitutionen, die auf intelligente,
nachdenkliche und - wo es vertretbar ist - auch unterhaltsame Art
Bildung bieten. Sie wollen längst nicht mehr nur durch die
Aura des originalen Gegenstandes oder Ortes beeindrucken, sondern
lassen auch schwebende und weniger eindeutige Aussagen zu, die die
Besucher nicht mehr einfach belehren, vielmehr Interpretationstätigkeiten
und diskursive Auseinandersetzungen in Gang setzen wollen (vgl.
dazu auch Behrens/Ciupke/Reichling 2000).
Die Verbindungen und Transfers zwischen Orten bilden ebenfalls
Lernwege: die Fahrt mit dem Bus über Land, der Nachtzug, in
dem man gemeinsam mit der Bevölkerung reist oder etwa eine
Schifffahrt auf der Wolga mit ganz eigentümlichen landschaftlichen
Reizen vermitteln auf eine beiläufige Weise wichtige Erkenntnisse
und Erfahrungen.
Zu diesem okkasionellen Lernen gehört auch der intensive informelle
Paralleldiskurs (parallel zu den organisierten Vorträgen, Diskussionen
und Reflexionseinschüben), der in der kleinen Form des Gesprächs
beim Essen und während der Freizeit stattfindet und dabei hilft,
das Gesehene und Gehörte zu verarbeiten.
Subjektive Aneignungstätigkeiten: Anschauen
- Erstaunen - Fragen
Reisen entwickeln in der Regel eine eigentümliche Rhythmik,
nicht nur einen Wechsel des Ortes sondern auch einen des Sehens,
Hörens, Sprechens, Innehaltens und Nachdenkens, der zu einer
subjektiven Erfahrungsverdichtung und Erlebnisintensivierung führt:
Ein Empfinden von Steigerung in Erwartung des noch Kommenden, ein
Erfahrungshunger und Erlebnissog, eine Atmosphäre anschwellender
Aufmerksamkeit und Neugierde, die erst gegen Ende ausklingt. Subjektive
Zeitrhythmen, Gruppeninteraktionen und objektiver Ablauf können
dabei leichter als sonst verkoppelt werden.
Das Erlebnis ist ein Rubrum, das in den Marketingstrategien einer
alles verwertenden Ökonomie für den subjektiven Unterhaltungs(mehr)wert
steht und damit von Kritikern als Symptom des gesellschaftlichen
Verfalls identifiziert wird. Dennoch sollten sich Pädagogen
und politische Bildner der Dimension subjektiver Intensität
von Bildungserfahrungen nicht leichtfertig aus Gründen einer
aktuellen Kulturkritik entledigen.
Ausgangspunkt des Erlebens ist die Anschauung und das Erstaunen.
Das Erleben, die Anschauung und das Erstaunen sind wesentliche Produktivkräfte
für das Lernen. Es geht nicht um neue Eigentlichkeiten, das
Feiern von innerlicher Ergriffenheit oder gar Entgegensetzungen
zur rationalen Urteilskraft sondern um Verbindungen. Das immer wieder
beobachtbare Staunen bei Teilnehmern kann verstanden und übersetzt
werden als Stutzen, verwundert oder verblüfft sein und dann
einen Schritt weiter mit Einhalten und Überdenken. Das Staunen
setzt sich in (neue) Fragen um, die durch die reine Anschauung nicht
beantwortet sind. Es erstaunt z. B. der architektonische Reichtum
in Städten wie Budapest, Krakau oder Lemberg, der auf die europäische
Zentralität und wirtschaftliche Prosperität dieser Regionen
in der Geschichte verweist, und es erstaunt die weltoffene Atmosphäre
Odessas, die man als Folge einer jungen, quasi amerikanischen Entwicklungsgeschichte
dieser Stadt betrachten kann. Ebenso überraschen die Würde
bzw. der Stolz, mit denen die Menschen in Mittelosteuropa die wirtschaftliche
Katastrophe heute individuell zu bewältigen suchen.
Das Erstaunen kann allerdings leicht in Entsetzen umschlagen, etwa
wenn man bemerkt, dass die Wälder einer idyllisch-vergessenen
Gegend am Rande der Karpaten die Massengräber des Genozids
an den Juden dieser Region bergen. Auf diese Topographie des Terrors
muß man Teilnehmende auf jeden Fall vorbereiten.
Konfrontationen und Perspektivwechsel
Teilnehmer von Reiseseminaren entwickeln in den Gesprächen
während und nach der Reise oft eine zusammenhängende Erzählung
und immer dichtere Einschätzung des Erfahrenen. Sie schaffen
sich in solchen Berichten ein Ergebnis, das von wachsender politischer
und historischer Urteilsfähigkeit zeugt.
Nicht wenige Teilnehmende haben persönliche, in der Herkunft
und der Biographie liegende Gründe, sich mit der alten und
neuen Geographie Mittel- und Osteuropas zu befassen. Hier ergeben
sich besondere subjektive Anschluss- und Integrationsmöglichkeiten.
Sie bedeuten aber nur eine Variante des immer sich ergebenden Wechselspiels
von Fremd- und Selbstwahrnehmung, dem Teilnehmende bei Seminaren
im Ausland unterliegen.
Die fachkundigen Gesprächspartner in den Besuchsländern
wollen in der Regel auch etwas von den Besuchern ihres Landes wissen,
sie wollen deren Urteil über ihr Heimatland kennenlernen, aber
gerne manches über die Bundesrepublik erfahren. So ergeben
sich für Teilnehmende manche Statusänderungen und Perspektivenverschränkungen,
man muss sich plötzlich als Experte für bekannte, aber
auch bisher noch nicht selbst bewußt gestellte Fragen behaupten.
Man wird eben als Fachmensch für den eigenen politischen und
gesellschaftlichen Hintergrund betrachtet und dementsprechend herausgefordert.
Es wird einem bewußt, dass man nun nicht mehr - wie zuhause
- nur für sich oder etwa eine Gruppe, sondern auch - ob man
will oder nicht -für andere Kollektive spricht, weil man als
Zugehöriger gesehen wird: zum Westen, zu Deutschland, zum Club
der Reichen. Wer in seinem Herkunftsland gewohnt ist, das eigene
Gemeinwesen zu kritisieren, beginnt zu überlegen, ob man allein
von dieser Kritik aus dem Gesprächspartner ein angemessenes
Bild seiner Gesellschaft vermitteln kann.
Demokratie, Gewaltenteilung, Grundrechte, Zivilität, Öffentlichkeit
und Engagement: die Bedeutung dieser so selbstverständlichen
Errungenschaften unserer politischen und gesellschaftlichen Sphären
bleibt in Deutschland oft nur oberflächlich begriffen - selbst
von jenen, die sich für ein zoon politikon halten. In Mittelosteuropa
versteht man, angesichts oft noch nicht durchgesetzter funktionaler
Arbeitsteilungen und der faktischen Herrschaft von Oligarchien und
Oligopolen in manchen Bereichen und manchmal in der ganzen Gesellschaft
(etwa in der Ukraine oder Rumänien), die Gewichtigkeit von
Rechten und demokratischen Strukturen und die Schwierigkeiten ihrer
Etablierung in der Geschichte ganz neu.
Studienreisen zu den östlichen Nachbargesellschaften bieten
also ein außerordentlich geeignetes didaktisches Arrangement,
in Konfrontationen mit Gegenwart und Geschichte kollektive wie individuelle
Selbst- und Fremdwahrnehmungen zu überprüfen und neu zu
konfigurieren. Die Strukturen des Ortswechsels und der Ortserkundung,
der Befragung von Personen und permanenten gemeinsamen Parallelreflexion
emergieren in besonderer Weise Formen des entdeckenden Lernens,
des indirekten Lernens und des beiläufigen Lernens - ein Lernen
das dem klassischen herbartianischen Motto der Aufforderung zur
Selbsttätigkeit entspricht.
Hartmut von Hentig hat die suchende und prüfende Haltung gerade
im Kontext der Reisebildung "peiratisch leben" genannt,
(Hentig 2000, S. 324), der Begriff der Empirie hat hier seine begriffsgeschichtliche
Herkunft. In der Differenz zwischen dem Wissen und den Wahrnehmungen
- in dieser Lücke entsteht Lernen. Die Anschauung öffnet
die Bereitschaft zur Auseinandersetzung.
Literatur
Albrecht, Clemens u.a.: Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik.
Eine Wirkungsgeschichte der Frankfurter Schule, Frankfurt/Main,
New York 1999
Amlung, Ullrich u.a. (Hg.): Wir sind jung und die Welt ist schön.
Mit Adolf Reichwein durch Skandinavien. Tagebuch einer Volkshochschulreise
1928, Jena und Weimar 1993 Baier, Lothar: Ostwestpassagen. Kulturwandel
- Sprachzeiten, München 1995
Behrens, Heidi/Ciupke, Paul/Reichling, Norbert: Neue Lernsettings
in Kultureinrichtungen. Expertise im Rahmen des DIE-Projekts "Entwicklung
und Förderung innovativer weiterbildender Lernarrangements
in Kultur- und Weiterbildungseinrichtungen" (EFIL) 2000, ohne
Fußnoten und dok. Anhang unter: www.die-frankfurt.de/efil/expertisen
Borries, Bodo von: Unterrichtsmethoden im europäischen Vergleich,
in: Polis 3/2001, S. 11-14
Diner, Dan: Das Jahrhundert verstehen. Eine universalhistorische
Deutung, München 1999
Glaubitz, Gerald: Geschichte - Landschaft - Reisen. Umrisse einer
historisch-politischen Didaktik der Bildungsreise, Weinheim 1997
Hentig, Hartmut von: Fahrten und Gefährten. Reiseberichte
aus einem halben Jahrhundert, München und Wien 2000
Jelich, Franz-Josef u.a. (Hg.): Kritisches Bewußtsein und
engagiertes Handelns. Zur Geschichte und Aktualität der Landesarbeitsgemeinschaft
Arbeit und Leben Hessen, Essen 1995 Jelich, Franz-Josef/Schneider,
Günther (Hg.): Orientieren und Gestalten in einer Welt der
Umbrüche. Beiträge zur politischen und sozialen Bildung
von Arbeit und Leben Nordrhein-Westfalen, Essen 1999
Reulecke, Jürgen (Hg.): Rückkehr in die Ferne. Die deutsche
Jugend in der Nachkriegszeit und das Ausland, Weinheim und München
1997
Roloff, Ernst-August: 50 Jahre internationale politische Bildung.
Was ist geblieben, was hat sich verändert? Internationaler
Arbeitskreis Sonnenberg 2000
Sauer, Ursula: Lernort Studienreisen - Bildung durch Reisen - Reisen
bildet?, in: Literatur- und Forschungsreport Weiterbildung Nr. 27,
Juni 1991, S. 52 - 59
Schlögel, Karl: Das Wunder von Nishnij oder die Rückkehr
der Städte, Frankfurt am Main 1991
(aus: "kursiv. Journal für politische Bildung",
Heft 2-2002)
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