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"Perspektivisches Schreiben“ als Methoden-Baustein
für historisch-politisches Lernen
Beitrag von Heidi Behrens und Norbert Reichling (2004)
Seit 1997 setzen wir uns – angeregt durch die Methoden-Bausteine
„Konfrontationen“ des Fritz-Bauer-Instituts –
mit dem „perspektivischen Schreiben“ – in der
Didaktik der Schulfachs Deutsch bereits seit längerem gebräuchlich
- auseinander und erproben seine Tauglichkeit in Prozessen historisch-politischen
Lernens. In den von uns gemeinsam mit Gedenkstätten veranstalteten
Seminaren für Multiplikatorinnen zum Beispiel spielen jeweils
neben neuen Fragen und Forschungsergebnissen zur Geschichte des
Ortes methodische Anregungen eine wichtige Rolle. Im Seminar "Schulische
und außerschulische Bildungsarbeit in der Mahn und Gedenkstätte
Ravensbrück" (Fürstenberg/Havel, September 1998)
waren dies u.a. Referate, Materialien, Film- und Fotoanalysen sowie
Arbeitsmappen der Gedenkstätte.
Der Ansatz des "perspektivischen Schreibens" (halb)fiktiver
Biographien wurde dort von uns erstmals vorgestellt und erprobt.
Bei dieser Arbeitsform werden die Teilnehmenden aufgefordert, sich
in Kleingruppen (oder auch Einzelarbeit) mit Biographie Bruchstücken
aus der Zeit des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen und diese
Ausgangslage anhand vorgegebener Stationen fortzuschreiben. Die
ethischen Dimensionen des Verhaltens in einer Diktatur, Entscheidungsmöglichkeiten
und dilemmata sollen dadurch verdeutlicht werden, dass exemplarische
Situationen und Stimmungen vergegenwärtigt und diskutiert werden;
die Gruppen haben den Auftrag, sich jeweils auf eine Variante zu
"einigen". Ausgewählte Quellenauszüge sollen
gewährleisten, dass diese Analysen nicht lediglich auf bruchstückhaftem
Vorwissen und bloßen Meinungen beruhen. Die Arrangements versuchen
in der Regel, einen (typisierten) Pluralismus von Perspektiven nahezulegen:
nämlich diejenigen des "Opfers", des "Täters"
und des "Mitläufers"; das Setting kann ebenso an
einen vorher gezeigten Film und seine Personen anknüpfen. Als
zentrale Vorentscheidung, die auch von den Verfechterinnen des Konzepts
"Konfrontationen" geteilt wird, galt uns deshalb das Vermeiden
von Lager-Extremsituationen - hier sollten Grenzen der Anleitung
zu Empathie und Einfühlung liegen, die allerdings jeweils neu
an Hand des Gegenstands zu bestimmen sind.
Wir haben diesen Ansatz für Zwecke der Gedenkstättenarbeit
in Ravensbrück zu transformieren versucht und angeboten, sich
mit vier ausgewählten Personen und Perspektiven auseinanderzusetzen:
Wir wählten die Blickwinkel zweier Häftlingsfrauen, einer
Aufseherin und einer Nutznießerin des Lagers in Gestalt einer
Geschäftsfrau aus dem nahegelegenen Fürstenberg. Diese
Vorgaben waren insofern halbfiktiv, als sie stark an Ravensbrücker
Quellen angelehnt waren. Den Teilnehmerinnen wurde vorgeschlagen,
sich aus der Situation eines weiblichen politischen Häftlings
und einer als "asozial" eingestuften Frau zu fragen, wie
das Lager und die Lagergesellschaft wahrgenommen werden, welche
Beziehungen zu anderen Häftlingsgruppen und welche Überlebensstrategien
möglich sind. Hinzu kam das Porträt einer Aufseherin in
Ravensbrück, die, aus einer deutschnationalen Beamtenfamilie
stammend, die kleinen Karrierechancen des Lagersystems genutzt hat:
Wie verhält sie sich zu den Ernährungsproblemen und Diebstählen
im Lager? Wie nimmt sie den Bau einer Gaskammer 1944 wahr? Wie erklärt
sie 1946 in einem Prozess ihre Arbeit im KZ? Die Frau eines Fleischermeisters
aus Fürstenberg, der das Lagerpersonal beliefert, sollte zum
Nachdenken über den Typus des "Bystanders " anregen:
über die Wahrnehmung des Lagers und verschiedener Häftlingsgruppen
von außen, über Kollisionen zwischen Moral und Geschäftsinteresse
...
Diese Beschäftigung mit "repräsentativen" Personen
einer historischen Phase erfüllt mehrere Anforderungen an historisch
politisches Lernen:
- Es werden Sach und Kontextinformationen vermittelt und reflektiert.
- Die emotionale "Unterseite" des Lernens wird durch
die (vorübergehende) ldentifikation mit Handelnden der Zeitgeschichte
angesprochen.
- Die vielfältigen Vermittlungen zwischen Strukturen, also
großer Politik und gesellschaftlicher Entwicklung, und individuellem
Verhalten geraten in die Diskussion.
Wir haben uns bemüht, durch spezifische Vorentscheidungen
der dem Ansatz unseres Erachtens innewohnenden Gefahr der Stereotypisierung
entgegenzuwirken. Dies geschah dadurch, dass unsere knappen biographischen
Skizzen (höchstens eine Seite) eingleisige Vorgaben zu vermeiden,
mehrere und ambivalente Entwicklungslinien anzudeuten versuchten.
Wir haben die fiktiven Personen auch nicht nur in eine bestimmte
Situation 'gestellt", sondern uns bemüht, durch Leitfragen
eine thematische Konzentration der Arbeitsgruppen und eine größere
Genauigkeit der Schilderungen anzuregen.
Die Ergebnisse des gemeinsamen Diskussions und Schreibprozesses
lassen sich knapp so zusammenfassen: Die Fortführung der Häftlingsbiographien
zeigte sich als eine Mischung aus relativ stereotypen Elementen
der (DDR-) Erinnerungsliteratur und -rhetorik (vor allem was die
äußeren Lebensbedingungen angeht) und neuen Enttypisierungen
( z. B. in der Berücksichtigung und differenzierten Beschreibung
der sehr verschiedenen Handlungsräume von "Politischen"
und "Asozialen"). Die von uns gezielt gemachten Angebote
und Spuren zur Ambivalenz wurden am Beispiel der Aufseherin Luise
L. nicht aufgenommen. Im Fall der Fürstenberger „Bystanderin“
ergaben sich spannende Debatten und Schilderungen von stückweisen
Wahrnehmungen der KZ-Realität, Gewissenskonflikten und Blicken
auf Sozialisation und Geschlechterverhältnis.
Bei sehr offenen Vorgaben ohne lokalen oder problemorientierten
Zusammenhang stellt sich unseres Erachtens die Frage, ob die in
einer Arbeitsgruppenphase zu bearbeitenden Materialien ausreichen,
um Trivialisierungen zu vermeiden. Durch die Konzentration auf den
Ort Ravensbrück ergab sich in unserem Seminar die günstige
Bedingung, dass den Teilnehmenden sehr viele weiterführende
Kontext-Informationen durch die Gedenkstättenausstellungen
und -führung sowie die Seminar-Diskussionen zur Verfügung
standen. So eröffnete sich die Chance, nicht nur spekulativ
über Handlungsoptionen im Lager zu sprechen und zu schreiben.
Dennoch kann - insbesondere bei der Umsetzung mit Jugendlichen -
nicht ausgeschlossen und verhindert werden, dass bloß "menschelnde"
Annahmen zu partiell klischeehaften Ergebnissen führen.
Eine Weiterentwicklung des Ansatzes könnte dahin gehen, das
"perspektivische Schreiben" als systematischen Zwischenschritt
in einem längeren Seminarprozess zu verstehen - und vor allem
ein größeres Zeitbudget als die von uns vorgegebenen
zwei Stunden vorzusehen. (Das Fritz-Bauer-Institut arbeitet mit
noch knapperen Zeitvorgaben.) Die ungeachtet aller Gegensteuerungsversuche
immer eintretenden Vereinfachungen ließen sich dann gemeinsam
debattieren und korrigieren. Ein anderes Setting könnte vorsehen,
nach dem Anschauen eines historischen Films (im Konfrontationen-Projekt
etwa der Spielfilm „Abschied von Sidonie“ von Karin
Brandauer/1991) über das Schicksal eines Sinti-Mädchens
die Motivlagen der dort beobachteten Akteure gemeinsam zu analysieren
und zu verschriftlichen bzw. angesichts einer historischen Fotografie
„innere Monologe“ dort abgebildeter Personen zu schreiben.
Wenn mehrere Gruppen sich den gleichen "Fall" vornehmen,
kann ein vergleichender Blick auf die Ergebnisse das Bewusstsein
für die Vorläufigkeit und Konstruiertheit des erarbeiteten
Texts schärfen. Von den Seminarteilnehmerinnen kam zudem die
Anregung, die Erträge einer solchen Schreibphase zum Ausgangspunkt
für weitere thematische Recherchen in Literatur und Gedenkstättenarchiv
zu nehmen. Je nach zur Verfügung stehendem Zeitrahmen kann
die Aufgabenstellung auch unterschiedlich komplex sein: Die Auseinandersetzung
mit schwierigen (in diesem Kontext zumeist dramatischen) Dilemmata
und Handlungsoptionen erfordert deutlich mehr Raum als das empathische
Durchdenken einer vorgegebenen historischen Situation.
Die Voraussetzungen eines produktiven Umgangs mit einem solchen
Lernarrangement sind allerdings nicht zu unterschätzen: Ein
ausreichendes Hintergrundwissen über den geschichtlichen Kontext,
seine Zwänge wie Spielräume, muss bei den Lernenden bereits
vorhanden sein oder durch äußerst genau komponierte Quellen-Pakete
ermöglicht werden. Für den Arbeitsprozess der Gruppen
hat es sich als wichtig erwiesen, dass die Arbeitsaufträge
relativ konkret sind, z.B. die zu erstellende Textsorte (Brief,
Tagebucheintragung, Ansprache ...) vorgegeben wird.
Bislang haben wir zum einen mit MultiplikatorInnen gearbeitet,
zum anderen mit jüngeren und älteren Erwachsenen im Rahmen
von einwöchigen Bildungsurlauben. Trotz der Unterschiedlichkeit
der Adressatengruppen und ihrer Vorbildung löste das perspektivische
Schreiben jeweils eine intensive Auseinandersetzung mit dem Gegenstand
aus. Wir können aber nicht ausschließen, dass bei der
Arbeit mit Jugendlichen die pädagogisch-didaktischen Anforderungen
andere sind, etwa die Reduktion des „Stoffs“ weiter
gehen muss oder die Möglichkeiten der Differenzierung eingeschränkt
werden. Die Ansprüche an die Lernsituation können aber
auch noch gesteigert werden, indem das Arrangement ausdrücklich
gegen konventionelle Annahmen arbeitet und so einen Beitrag zur
„Enttypisierung“ zu leisten versucht, indem relativ
unbekannte Handlungsmöglichkeiten besonders wahrgenommen werden
(man denke an die ganz „unwahrscheinliche“ Strafanzeige
Lothar Kreyßigs gegen die T4-Krankenmord-Aktion der Nazis
oder die jetzt allmählich entdeckten „Retter“ von
versteckten Juden besonders in Berlin mit den verschiedensten Motiven).
Dass diese Methode einen Beitrag zur Menschenrechtsbildung leisten
kann, liegt auf der Hand: Sie regt an, sich in historisch Handelnde
einzufühlen, in Opfer wie Täter, und deren Handlungsbedingungen
gewissenhaft zu analysieren. Sie weist die Lernenden gezielt auf
Normenfragen und Normenkollisionen hin, auf die Notwendigkeit von
Abwägungen, aber auch die Verantwortung solcher ZeitgenossInnen,
die nichts als Zuschauer des historischen Prozesses zu sein glauben.
Die Fähigkeit zu eigenständigem Handeln ist vielen derer,
die im Kontext des Nationalsozialismus in unseren Blick geraten,
genommen worden – dass daraus ex negativo aber Maßstäbe
für Freiheit und Menschenrechte gewonnen werden können,
ist ein Grundaxiom unserer Beschäftigung mit diesen Themen.
Dass auch das perspektivische Schreiben eine vorschnelle Analogisierung
zwischen damaligem Unrecht und heutigen Problemen („damals
die Juden, heute die Türken...“) nicht ausschließen
kann, spricht nicht gegen seinen Einsatz – immerhin ist die
gemeinsame Kritik der auftretenden Vereinfachungen hier geradezu
„eingebaut“.
Wenngleich die Norm, „Extremsituationen“ wie die Existenz
in Vernichtungslagern aus solchen Experimenten auf jeden Fall auszuklammern,
selbstverständlich ist, bleiben auch die geschilderten Ansätze
eine Gratwanderung: Ist ein probierender, „rollenspielerischer“
Umgang mit diesen oft tragischen historisch-realen Abläufen
vertretbar? Treten wir den Subjekten (wir haben in der Regel nur
wenig verfremdete tatsächliche Biographien ausgewählt)
nicht zu nahe, wenn ihr Schicksal Gegenstand von Gedankenexperimenten
wird? Zu dieser naheliegenden kritischen Anfrage haben wir bisher
keine abschließende Position entwickelt – eine möglichst
präzise-nüchterne Formulierung der Ausgangssituationen
und „Aufgaben“ sowie eine sorgfältige Quellenauswahl
sind unsere vorläufige Antwort.
Trotz der angeführten kritischen Punkte der Methode bleibt
festzuhalten, dass die Stärke des perspektivischen Schreibens
seine Diskursivität ist. Vorschnelle Festlegungen werden durch
den Gruppenprozess vereitelt, und die stellvertretend vorgeschlagenen
"Entscheidungen" unterliegen dem Zwang zur Begründung
und Reflexion. Für ein historisch-politisches Lernen, das auch
beim „Extrem-Gegenstand“ Nationalsozialismus an Lernzielen
wie Genauigkeit, Nachdenklichkeit, Reflexivität und Ambiguitätstoleranz
festhält, können wir das Experimentieren mit solchen Arrangements
nur empfehlen.
Norbert Reichling/Heidi Behrens
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