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Politische Erwachsenenbildung und politische Beteiligung
- historische Schlaglichter
Grundsätze alternativer Erwachsenenbildung revisited
Norbert Reichling
Der Begriff der "Beteiligung" ist noch relativ jung -
die ihm entsprechende Realität aber älter als die Demokratie
in Deutschland. Wer über die heutigen Chancen der politischen
Bildung diskutieren will, Bürgerinnen und Bürger zu mehr
Partizipation zu ermutigen und zu befähigen, muß der
gesellschaftlichen Voraussetzungen solcher Bildungsaktivität
bewußt sein und Vorgeschichte sowie das Involviertsein der
Bildungsarbeit in soziale Bewegungen und demokratische Entwicklungen
im Blick haben.
In der Geschichtsschreibung der politischen Erwachsenenbildung
werden gemeinhin zwei Haupt-Traditionsstränge identifiziert:
derjenige der Arbeiterbewegung bzw. ihrer Bildungsbemühungen
und die staatsbürgerlich-bildenden Impulse der politischen
Demokratie, die bekanntlich in Deutschland 1919 begann. Daneben
aber sind im Kontext von "Beteiligung" doch noch ein paar
andere zarte "Pflänzchen" und eine Menge Ausdifferenzierungen
erwähnenswert ...
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Die Bildungsbestrebungen im Kontext der Arbeiterbewegung verweisen
bereits auf einige Essentials einer "erfolgreichen", d.h.
gesellschaftlich wirksamen Bildungsarbeit: diese zunächst selbstorganisierte
und erst im späten Kaiserreich ansatzweise professionalisierte
Arbeiterbildung steht von vornherein im Verwendungszusammenhang
politischer und gewerkschaftlicher Praxis. Eine reinliche Scheidung
politischer, beruflicher oder allgemeinbildender Inhalte ist hier
nicht vorzufinden, weil zur Emanzipation all dieses dazugehörte:
Sowohl das gewünschte gesellschaftliche Orientierungswissen
als auch betriebliche und berufliche Kenntnisse für die Zwecke
der Interessenvertretung bedürfen des Unterfutters nachholender
elementarer, literarischer und philosophischer Bildung. Zum Bildungsanspruch
gehört hier die gleichzeitige Erweiterung des Bereichs
gesellschaftlicher Gestaltung - mittels betrieblicher Gegenmacht
und politischer Organisation wird die (noch nicht so genannte) Demokratisierung
in Gang gesetzt; politische Arkanbereiche geraten unter den Druck
parlamentarischer Anfragen und Öffentlichkeiten, und - noch
wichtiger - die "Privatheit" des Betriebs und der in ihm
waltenden Machtverhältnisse wird nicht länger anerkannt.
Diese allmähliche Entwicklung wird erst anerkannt und "ratifiziert"
in den Umbrüchen 1917/18, mit der immer stärkeren Parlamentarisierung
und der ausdrücklichen Anerkennung der Gewerkschaftsorganisationen
und ihrer Zutrittsrechte zu den Betrieben.
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Eine zweite soziale Bewegung, die als grundlegend für eine
eingreifende Erwachsenenbildung genannt werden muß, ist die
Jugendbewegung. Obwohl sie sich nicht primär als pädagogische
sieht, gehen von ihr wesentliche Impulse für die Reformpädagogiken
des 20. Jahrhunderts aus. "Mit Kopf, Herz und Hand", also
"ganzheitlich", mit allen Sinnen zu lernen,
wird von den weitgehend selbstorganisierten Gruppen dieser Mittelschichts-Bewegung
als Gegenutopie zur wilhelminischen "Paukschule" verlangt
und eingeübt. Die gesellschaftlichen Wirkungen dieser sich
selbst unpolitisch verstehenden Impulse sind eher indirekte: Sie
tragen zu einer Sozialisation bei, die vielen Angehörigen der
bürgerlichen Eliten der Weimarer Zeit Schlüsselkompetenzen
wie Selbständigkeit, Selbstbildungs- und Selbstorganisationsfähigkeit
vermittelt, und leisten damit einen Beitrag zur sozialen und pädagogischen
Sensibilität und Professionalität in vielen neu entstehenden
Sozialberufen bei (neben der Erwachsenenbildung und Jugendarbeit
z.B. in der Fürsorge und im Gefängniswesen); in vielen
dieser Arbeitsfelder verschmelzen zu Beginn der Professionalisierungsperiode
noch politische Reformimpulse und berufliche Ambitionen. Am Rande
von Jugend- und Arbeiterbewegung entwickeln sich mit Siedlungen
und Volkshochschulheimen auch erste, meist kurzlebige Experimente
eines Bildung, Leben und Arbeiten umfassenden kollektiven Reformversuchs.
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Mit der Weimarer Republik entstehen mannigfaltige neue Tätigkeitsfelder
der Selbstverwaltung und Interessenvertretung: Betriebräte
und neue Verbände, Sozialversicherung, Genossenschaften, Arbeitsgerichtsbarkeit
und Arbeitsvermittlung usw. Die jetzt neu entstehende Funktionärsschicht
klagt erstmals so etwas wie gesellschaftliche "Parität"
ein und erweitert damit ihren Bildungsanspruch: In den neu entstehenden
Bildungseinrichtungen der Arbeiterbildung geht es deshalb (mit ganz
verschiedenen Akzentuierungen) um alle Gebiete der bürgerlichen
Kultur, ganz besonders aber um die "modernen" und technischen
Disziplinen der Wissenschaft: Technik, Betriebs- und Arbeitswissenschaft,
und die entsprechende soziale Präsenz der
Arbeiterschaft in den genannten neuen Strukturen. Nun wiederholen
sich auch ältere Debatte um die Gewichtung, um die "Basis"
des Wissens, um die Überforderung und Entfremdung von Arbeiterfunktionären;
mit der Qualifizierung für soziale, bewegungsgebundene Funktionen
verbindet sich nämlich - das war kaum zu verhindern und erschließt
sich oftmals nur im nachhinein - auch eine Befähigung zum individuellen
sozialen Aufstieg.
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Wegen des Fehlens demokratischer und rechtsstaatlicher Rahmenbedingungen
sei die Zeit der NS-Herrschaft hier beiseitegelassen. Subjektive
Sichtweisen aber grenzen diese Phase weniger stark von der Vor-
und Nachgeschichte ab, weil die teils freiwillige, teils erzwungene
Mitarbeit in vielen Organisationen (BdM, NSV, KdF ...) durchaus
zum Gefühl des Gebrauchtwerdens und zu einer lebenslangen "Ich
muß mich immer irgendwo engagieren"-Gestimmtheit beitragen
konnte.
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Die Einflüsse der Alliierten nach 1945 sind maßgeblich
für das Entstehen einer liberalen politischen Kultur und einer
nennenswerten politischen Bildung. In unserem Zusammenhang ist daran
bemerkenswert, daß sie (vor allem die Amerikaner) entgegen
rechtsradikalen und deutschnationalen Zerrbildern nicht auf eine
inhaltlich bestimmte "Umerziehung" setzen, sondern auf
das Moment und die Voraussetzungen gesellschaftlicher Selbstorganisation:
Jugendgruppen, Frauenforen, Berufsorganisationen usw. erhalten die
Chance zu selbstaufklärenden Debatten und Aktivitäten.
Die von diesem (im Kalten Krieg bald teilweise verschütteten)
Aufbruch geprägten Bildungsaktivitäten, richtungweisend
vor allem für die außerschulische Jugendbildung, haben
dennoch eine Langzeitwirkung: Das hier erstmals stark betonte Wissen,
daß zur politischen und bürgerschaftlichen Aktivität
auch Fähigkeiten des Umgangs mit Gruppen und Handwerkszeug
wie die Kunst der freien Rede gehört, erhält sich in den
politischen Bildungseinrichtungen mit manchen Modifikationen bis
heute - etwa in den heutigen Curricula "Politisches Management"
der Parteistiftungen.
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Daß die westdeutsche Demokratie dann zunächst doch in
erster Linie eine "Parteiendemokratie" wird, hat seine
Gründe - u.a. in der Konzentration auf ökonomischen Aufbau,
in den Überstrapazierungen des Politischen durch die Nazis,
in der Hoffnung Vieler auf eine unpolitische Zukunftssicherung.
Sich einmischende Bürgerinnen und Bürger als Gegenmodell
des "Untertanen" werden vorausgesetzt, finden und produzieren
sich aber vorerst nur selten. Westliche Politologen kritisieren
die Bundesrepublik als extrem autoritär, und erst ab Ende der
50er Jahre ändert sich etwas daran: Neue Gruppierungen und
Inititiativen beginnen, die "repräsentative Entmündigung"
abzumildern und mit neuen Formen der Öffentlichkeit und Einmischung
symbolische Gegenmacht auszuprobieren: Verteidigt
wird die relative Staatsferne des Rundfunks, neue Gruppen, Zentren
und Clubs setzen eine räsonnierende, offene Politik gegen die
Apparate der Politik. Ab Mitte der 60er Jahre beschleunigt sich
diese Tendenz; die gesellschaftskritische Intelligenz verbündet
sich u.a. mit der Bildungsreformpolitik und sieht auch die nun ausgebaute
und ansatzweise systematisierte Weiterbildung als Forum der Selbstbildung
mündiger BürgerInnen. Wiederum sind es amerikanische Einflüsse,
die einen Modernisierungsschub bringen: z.B. mit der Verbindung
von Chancengleichheits-Idealen und Bildung sowie in der Berücksichtigung
der Ebene politischer Symbole und Medienbilder.
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Seit den 60er Jahren ist Partizipation als Bestandteil einer funktionierenden
Demokratie und Demokratisierung vorausgesetzt und steht in unaufhebbarer
Spannung zu technokratischen Gesellschaftsvorstellungen. Die erhoffte
und versuchte systematische Verbindung zwischen Gesellschaftsreform
und (politischer) Bildung reißt auch nach dem allmählichen
Verblassen der Reformutopien nie ganz ab: Bildungsveranstaltungen
verstehen sich seither als Werkstätten der Demokratie
und stellen sich immer wieder neuen sozialen Bewegungen als Informationsgelegenheit,
Ideenlabor und Übungsfeld zur Verfügung. Die Studenten-
und Schülerbewegung der 60er Jahre, die neuen sozialistischen
Gruppierungen und die Frauenbewegung der 70er Jahre und die Ökologie-
und Friedensbewegung der 80er Jahre beeinflussen die politische
Bildung und umgekehrt; teilweise entstehen auch neue, unabhängige
Bildungsinitiativen und -zentren. "Handlungsorientierung"
wird im Sinne einer partiellen Aufhebung der Trennung von Lernen
und Politik zeitweise zu einem dominanten didaktischen Prinzip.
Zwar führt die (halbe) Professionalisierung der Weiterbildung
nicht nur zu mehr Skepsis bei der Erreichung politischer Ziele durch
Bildung, sondern auch zu einer professionellen Ethik, die eine "Überwältigung"
der Lernenden durch Lehrende und Institutionen auszuschließen
versucht. Trotzdem teilen diese parallelen Öffentlichkeiten
im Grundsatz einen politisch-pädagogischen Gestus der grundlegenden
Erneuerung.
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Der aufklärerische Bildungs- und Gestaltungsoptimismus weicht
in den 80er und 90er Jahren des 20. Jahrhunderts wiederum größeren
Selbstzweifeln der ErwachsenenbildnerInnen. Persönliche Voraussetzungen
der Individuen, Gruppen- und Kommunikationsfähigkeit rücken
erneut in den Vordergrund vieler Bildungsaktivitäten und damit
Ansätze experimentierender Lebens- und Persönlichkeitsreform;
"Wissen" im engeren Sinne ist nicht mehr einziges Zentrum
der bildenden Ambitionen. Dies hängt auch mit der 1989 offen
zutagetretenden Entwertung von Utopien und "großen Erzählungen"
zusammen; die Gestaltung von Nahbereichen, z.B. ökologischen
und geschlechtergerechten Lebensformen, ist nicht länger bloßes
Anhängsel weitausgreifender Umwälzungskonzepte, sondern
gewinnt an Eigenwert.
Politische BildnerInnen trösten sich zeitweise mit der Metapher
vom "Auswandern": das Politische sei in allen Lebensbereichen
und Zeitfragen so präsent, daß seine ausdrückliche
Behandlung nicht mehr so wichtig sei. Der "Schwund des Politischen"
kann aber auch ein Problem der Institutionen sein: Die Stagnation
der Teilnahme an politischer Erwachsenenbildung (bei rapidem Wachstum
der übrigen Weiterbildungsbereiche) geht einher mit einem in
Deutschland bisher ungekannten Ausmaß gesellschaftlichen.,
bürgerschaftlichen und ehrenamtlichen Engagements - verlangt
ein steigendes Bildungsniveau nach einer neuen Funktionsbestimmung?
Werkstattartige, an gemeinsamer Praxis orientierte Lernformen erfahren
eine bis heute anhaltende Konjunktur.
"Gefolgschaft" können zurechnungsfähige ErwachsenenbildnerInnen
zurechnungsfähigen PolitikerInnen nicht mehr versprechen -
was sonst? Die Parteiendemokratie ist Ende des 20. Jahrhunderts
erneut an Blockierungen gestoßen, zu deren Auflösung
die "kleinen Öffentlichkeiten" der
politischen Bildung beitragen können: Neue Balancen von Lebenschancen
und Interessen, von kurz- und langfristigen Interessen, von sozialen,
generationellen und geografischen Lagen sind nur in Diskursen aushandelbar,
weil die Modelle der Planung von oben, des umfassenden Marktglaubens
und des Bürgerkriegs historisch diskreditiert sind. Natürlich
bleiben auch Kenntnisse, "Handwerkszeug" und Orientierungen
als Bildungsaufgabe - aber als gemeinsame Projekte, die von keinem
Beteiligten mehr im Modell des Nürnberger Trichters gedacht
werden.
Das Ausprobieren von Argumenten und Selbstreflexion, die Vorformulierung
gesellschaftlicher Interessen und politischer Kompromisse sowie
der Austausch über Identitäts- und Gerechtigkeitsprobleme
bedarf aber der nicht-machtdeformierten Orte und sonstigen Gelegenheiten.
Darauf hat niemand ein Monopol - es geschieht in Kirchengemeinden,
NGOs, privaten Salons und Kneipen, Elterninitiativen, Stadtteilzentren,
Gewerkschaftsgruppen und werweißwonoch - aber eben auch in
Veranstaltungen der Erwachsenenbildung.
Norbert Reichling
Zum Weiterlesen:
- Paul Ciupke und Klaus-Peter Hufer in: W. Beer u.a. (Hg.),
Politische Erwachsenenbildung, Ein Handbuch zu Grundlagen und
Praktiken, Bonn 1999
- Ansgar Klein/Rainer Schmalz-Bruns (Hg.), Politische Beteiligung
und Bürgerengagement in Deutschland, Bonn 1997
- Heino Apel u.a. (Hrsg.), Wege zur Zukunftsfähigkeit
- ein Methodenhandbuch, Bonn 1998

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