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Erinnerungsorte der SBZ- und DDR-Geschichte
Eine Expertentagung in Schwerin
13.-15. Juni 2002, Norbert Reichling
Die Etablierung von Gedenkstätten und anderen Geschichtsorten
zu Themen der DDR-Geschichte ist in den vergangenen 12 Jahren energisch
vorangeschritten - zur Verwunderung und Irritation mancher, die
in solcher institutionellen Anerkennung ein "geschichtspolitisches
Problem" sahen, weil sie andere, in der alten Bundesrepublik
dominante Fixpunkte historisch-politischen Lernens dadurch in Frage
gestellt sahen. Die lauten Schlachten um "zwei Vergangenheiten",
Opferkonkurrenzen" und "Opferhierarchien" und die
nicht selten befürchtete Relativierung des Jahrhundertverbrechens
der Shoah sind mittlerweile geschlagen, und seit der zweiten Hälfte
der 90er Jahre ist ein unspektakulärer aber um so wirksamerer
Professionalisierungsprozeß der Gedenkstätten im Gange,
der seinen Fortgang auch den Resultaten der Enquêtekommissionen
und dem Wirken der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur verdankt.
Diese war es nun auch, die gemeinsam mit zwei Einrichtungen der
historisch-politischen Bildung einen Bedarf sah, die erwachsenen-
und jugendbildnerische Tätigkeit an diesen neu entstandenen
Orten in Augenschein zu nehmen. Das Bildungswerk der Humanistischen
Union NRW (in Essen) und der Verein "Politische Memoriale"
(aus Schwerin) boten mit Hilfe der Stiftung in sechs Workshops seit
dem Herbst 2001 Möglichkeiten, einige dieser "Erinnerungsorte"
kennenzulernen, ihre spezifischen Möglichkeiten und Materialien
zu erproben, mit ihren pädagogischen MitarbeiterInnen zu diskutieren.
Eine Tagung im Juni 2002 gab die Gelegenheit, dabei gemachte Erfahrungen
darzustellen, auszuwerten und in den Kontext der seit 1989 sich
neu stellenden politischen und pädagogischen Probleme einzuordnen:
25 in Gedenkstätten und Aufarbeitungsinstitutionen, Weiterbildung,
Schulen und Hochschulen tätige ExpertInnen beteiligten sich
an diesem intensiven "Evaluationsversuch". (Der Landesbeauftragte
für die Stasi-Unterlagen Mecklenburg-Vorpommern ermöglichte
die Auswertungstagung. Nur wenige der dort in zwei Tagen entwickelten
Fragen und Thesen können hier zusammengefaßt werden.)
Denn von Selbstverständlichkeit ist die Arbeit der genannten
Institutionen immer noch weit entfernt: Was ist eigentlich "Aufarbeitung"
im Verhältnis zu individueller Erinnerung, den Anstrengungen
der Justiz und der Geschichtswissenschaft, zum "Gedenken"?
Wohin führt der Professionalisierungs- und Verstetigungsprozeß,
und wem gehört die "Deutungshoheit" über diese
Orte? Gibt es zielgruppenspezifische Vermittlungsansätze? Was
sind überhaupt die zentralen Lehren aus der DDR-Diktaturerfahrung
(und sind diese gleich für Besucher aus Stralsund und Aachen)?
Bernd Faulenbach (Universität Bochum, zugleich stellvertretender
Vorstands-Vorsitzender der Stiftung Aufarbeitung) hatte es übernommen,
den Rahmen der Gedenk- und Geschichtskontroversen seit 1990 zu skizzieren.
Derzeit, so Faulenbach, gehe der Diskurs um die Beurteilung der
DDR in eine neue, sachlich-kühlere Phase über, in der
nach Abschluß justizieller und politischer Aufarbeitung die
wissenschaftliche Forschung im Vordergrund stehe. Die sich andeutende
"neue Qualität der Historisierung" könne nicht
alle Kontroversen beenden, müsse aber zu einer gewissen Entnationalisierung
und Europäisierung bereit sein. Damit plädierte der Referent
allerdings nicht für eine universalistische Verdünnung
der deutschen doppelten Diktaturerfahrung, wohl aber für internationale
Diskurse über die Geschichtserfahrungen des 20. Jahrhunderts.
Die anhaltende Isolation und partielle Verbitterung der DDR-Opfer
bleibe gleichwohl eine Herausforderung der deutschen Geschichtskultur;
dieser sei mit bloßen Anerkennungsgesten nicht beizukommen,
da das Schicksal dieser Gruppen eine fortdauernde Provokation für
die Mehrheitsgesellschaft im Osten und im Westen, eine drastische
Repräsentation des Risses darstelle, der durch alle Generationen
gehe.
Die Projektleiter des eingangs erwähnten Projekts "Erinnerungsorte
der SBZ-/DDR-Geschichte" (und Ausrichter der Tagung), Dr. Heidi
Behrens und Dr. Andreas Wagner, berichteten ausführlich über
Ziele, Anlage und Verlauf der jeweils zweitägigen Veranstaltungen,
während derer insgesamt 12 Institutionen besucht wurden. In
und um Berlin, in Neubrandenburg und Eisenhüttenstadt, Leipzig,
Dresden und Bautzen lagen die Orte, deren Lernpotentiale gemeinsam
mit politischen BildnerInnen, Lehrerinnen und Lehrern und Gedenkstättenmitarbeitern
erkundet wurde. Daß es hier - trotz eindrücklicher Präsentationen
der DDR-Repressionsgeschichte, etwa in Bautzen oder im Mauer-Museum
- nicht nur um "Gedenken", sondern auch um kreative Lernprozesse
gehen soll, war eine der Vorannahmen des Projekts, die sich bestätigten.
Mit zum Teil erstaunlichen Besucherzahlen und deren umfassenden
Informations- und Diskussionsbedürfnissen sind alle diese Orte
genötigt, die gesellschaftliche Debatte über die "zweite
Vergangenheit" in ihrer ganzen Breite aufzunehmen. Die Erinnerungsorte,
ihre Exponate und die in ihnen mitarbeitenden Zeitzeugen, aber auch
die hier dokumentierten Deutungen regen zur Selbstbefragung und
Auseinandersetzung an - obwohl und vielleicht gerade weil noch kein
klarer gesellschaftlicher Konsens über die Beurteilung der
DDR vorliegt.
Die Erprobung der pädagogischen Angebote erwies, daß
es für die MultiplikatorInnen in den Bildungseinrichtungen
zuwenig Fortbildung und Informationsservice für den Gebrauch
der Gedenkstätten gibt und daß anschauliche Arbeitsmaterialien
über biografische Aspekte des DDR-Lebens und den Alltag vermisst
werden. Nicht unterschlagen sei das Problem der "Überkomplexität":
Viele dieser Orte bergen eine solche Vielzahl historischer Schichten
und Geschichten, daß die Rezeptionsweisen des "Durchschnittsbesuchers"
gelegentlich überfordert sind. Manche BesucherInnen (z.B. der
Gedenkstätten in Sachsenhausen und Buchenwald) verstehen einfach
nicht, um welche Periode der Ortsgeschichte es gerade geht. Und
nicht zuletzt: viele Ausstellungen transportieren eine Botschaft
speziell für Ostdeutsche, die DDR-Erfahrungswissen voraussetzt
und gegenüber anderen der Übersetzung bedarf.
Was ist der spezifische Wert pädagogischer Arbeit an und mit
den "Erinnerungsorten"? Das Resümee von Behrens und
Wagner lautet: Die Erinnerungsorte der DDR-Geschichte - authentische
wie inszenierte - bieten "Räume für ernste Kontroversen"
und "Streitforen für Laien", um die aus dem Zentrum
öffentlichen Interesses gerückten, aber nicht abgeschlossenen
gesellschaftlichen Diskurse über die Bewertung der DDR weiterzuführen.
Die Ernsthaftigkeit ist dabei wohl daran geknüpft, daß
die Spezifik des jeweiligen Ortes in nüchterner, wissenschaftsorientierter
Weise aufgenommen wird. Die Doppelnatur vieler Institutionen - Gedenk-
wie Lernorte zu sein - produziert eine dilemmatische Situation:
Ein Spannungsverhältnis zwischen Normativität und offenen
Lernangeboten ist wohl unaufhebbar, und so bleibt es unvermeidlich,
dies offen zu thematisieren und dadurch eventuell fruchtbar zu machen:
Was spricht gegen Empathie von Lernenden oder gegen den Versuch
eines Perspektivwechsels für "Betroffene"?
Im weiteren Programm umkreiste die Tagung die Voraussetzungen und
Ansätze des Lernens an diesen besonderen Geschichtsorten. Bodo
von Borries (Universität Hamburg) zeigte die in den letzten
Dekaden verschlechterten Rahmenbedingungen für Geschichtslernen
auf - z.B. durch veränderte schulische und sozialisatorische
Umstände, manch übereilten Paradigmenwechsel der Geschichtsdidaktik
und die gesamtgesellschaftliche Entwertung von Geschichte durch
ein dramatisch gestiegenes Innovationstempo. Seine Schlußfolgerung
aus dem Karussell der Identitätsreflexionen, Geschichtskulturdebatten
und Medienhypes: Methodenorientierung muß ins Zentrum aufklärerischer
Bemühungen rücken, die Grammatik historischen Denkens
gelehrt werden. Seit der Verabschiedung naiver Reifungsmodelle des
Geschichtslernens sei aber (mit der Folge chronischer Überforderung
der Lernenden!) die akribische Analyse von Lernbedingungen vernachlässigt
worden, so daß die heutigen Aufgaben sich nur abstrakt benennen
ließen als Beitrag zu gesellschaftlicher und individueller
Orientierung, zu politischer Integration in der Migrationsgesellschaft
und zu einer Menschenrechtserziehung, die die Gewalterfahrungen
des 20. Jahrhunderts zur Zivilreligion verallgemeinere.
Annette Leo (TU Berlin) faßte Ergebnisse mehrerer Studien
zum Geschichtsbewußtsein und historisch-politischen Lernen
in Ost- und Westdeutschland zusammen. Der einhelligste Befund: im
Osten ist auf Grund des historischen Bruchs von 1989 die Sprechbereitschaft
und die Neigung zu kollektiven Geschichten deutlich größer
- im Westen überwiegt eine "planierende" und Entwicklungsphasen
der DDR ignorierende Sicht des zweiten deutschen Staates. Auch die
Gedenkstättenerfahrungen - organisierter vs. freiwilliger Besuch,
Ritual vs. oppositioneller Akt - könnten unterschiedlicher
nicht sein; die nach 1990 aufbrechenden Konflikte und Debatten um
Gedenken und Gedenkstätten (Ravensbrück-Supermarkt, Neugestaltung
der Gedenkstätten, NS-Belastungen als Herrschaftswissen der
SED) haben in der DDR stillgelegte Konflikte um NS-Mittäterschaften
und -Mitläuferschaften verspätet aufbrechen lassen. Vom
"Spagat" zwischen Repressionsgeschichte und Alltagsgeschichte
war dann die Rede in der Diskussion, in der u.a. die Frage aufgeworfen
wurde, ob die DDR-Aufarbeitung zu einseitig staats- und ideologiekritisch
verlaufen sei. Museen und Inszenierungen der Alltagsgeschichte seien
möglicherweise als Brücke zur Entdramatisierung und Entritualisierung
des Sprechens über die DDR - und damit als Chance einer neuen
Ernsthaftigkeit - geeigneter als die Orte der Unterdrückung.
Solche Anfragen wurden gestützt durch die Ausführungen
von Dorothee Wierling (Universität Erfurt) über die Rolle
lebensgeschichtlicher Erinnerungen in der Bildungsarbeit. Der gesellschaftlich
und politisch produzierte permanente Zwang zur "Aussage"
sei eben hinderlich für individuelle Lernprozesse. Erwachsenenbildung
müsse es wagen, öffentliche Diskurse und ihre vermeintlichen
Eindeutigkeiten zu unterlaufen und zu vertiefen. Biographische Erzählungen
- auch solche von Dritten, die als "Material" eingebracht
werden können - werden zwar immer wieder Kontroversen um Wahrheiten
aufwerfen, aber indem sie Erzählungen und Deutungen über
Subjekthaftigkeit, Selbstbehauptung, Entwicklungen und innergesellschaftliche
Differenzen transportieren, leisten sie einen Beitrag, ganz normale
Menschen einzuüben in reflexive Haltungen: z.B. Komplexität
auszuhalten, Erinnerungsgemeinschaften in Ost und West zu durchschauen,
die Entstehung von Erinnerung besser zu verstehen. Da solche Diskurse
auch mit "Anerkennung" (nicht unbedingt: Konsens) zu tun
hätten, braucht es auch in Gedenkstätten und Museen ausreichend
Raum für ihre Darstellung und Rezeption - nicht als bloße
Illustration, sondern als Dokumente des Eigensinns. Auch an dieser
Stelle plädierten die Diskussionsteilnehmer dafür, "angstfreie
Räume" zu schaffen, die die Perspektive der "normalen",
machtlosen Menschen zu integrieren erlauben.
Eine Besichtigung der 2001 eröffneten Gedenkstätte für
die Opfer deutscher Diktaturen am Schweriner Demmlerplatz hinterließ
weitgehende Ratlosigkeit: Nicht nur politische Überdeterminierung,
sondern auch eine wiederum überkomplexe Historie sowie bauliche
und konzeptionelle Dilemmata machen es schwierig, hier einen Lernort
zu etablieren.
Die spezifischen (oder eben doch allgemein tauglichen) Vermittlungsformen
und -erfahrungen in Sachen DDR-Geschichte standen im Zentrum mehrerer
Kurzbeiträge. Berichtet wurde aus der Bildungsarbeit der Gedenkstätte
Bautzen (Petra Haustein) und der Behörde des Sächsischen
Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (Thomas Platz)
- über Studientage für Schüler und Berufsgruppen,
die zentrale Rolle der MultiplikatorInnen und ihrer individuellen
DDR-Aufarbeitung und die Überfrachtung von Gedenkstättenbesuchen
mit Ansprüchen, wie sie NS-Gedenkstätten bereits seit
Jahrzehnten kennengelernt haben. Denn neben der "Chance, ein
ungeliebtes Thema zu delegieren" (Platz), bieten die Gedenkstätten
ja einen symbolischen Raum für curriculare Pflichterfüllung,
"Wandertags"-Gestaltung, Extremismusbekämpfung, den
Versuch ehrlichen Gedenkens und mehr.
Nicht nur um Inhaltsvermittlung geht es also, sondern ebenso um
die Frage, ob Lehrende mit der gesellschaftlichen Tradierung autoritären
Potentials zu brechen imstande sind. Die Fortbildung von Lehrern
und anderen für den Umgang mit diesen besonderen auratischen
Orten scheint jedenfalls ein dringendes Desiderat zu sein. Ein Diskussionsteilnehmer
ging so weit, die in diesem Kontext unausweichliche biografisch-therapeutische
Dimension (in der Auseinandersetzung mit Wendeerfahrungen, Brüchen
und Legenden) im Begriff des "DDR-Teilnehmers" (analog
zum "Kriegsteilnehmer") zusammenzufassen, dem nicht mit
einem formierten neuen Geschichtsbild, sondern nur durch kommunikative
Angebote aufzuhelfen sei. Die Gegenposition: ohne Klarheit und Konfrontationen
keine Aufklärung! Und weitere Analogien zur "West-Aufarbeitung"
der 50er Jahre wurden gewagt, erwogen, teilweise verworfen: wie
die, daß eine schwache Elterngeneration nicht aggressiv über
ihre Vergangenheit befragt wird, oder der Umstand, daß an
verschiedene gesellschaftliche und staatliche Sektoren (Schule,
Polizei, Verwaltung) höchst unterschiedliche Ansprüche
angelegt werden.
Zwei Lehrer (Jürgen Klebowski aus Mecklenburg-Vorpommern und
Frank Petzold aus Schleswig-Holstein) vermittelten weitere Eindrücke
vom Stellenwert der DDR-Geschichte im schulischen Lernen. In westdeutschen
Schulen hat - das bestätigt auch eine im Rahmen des Projekts
"Erinnerungsorte" erstellte Expertise - das Thema einen
recht exotischen Rang und ist gelegentlich Gegenstand von Identitätsdebatten
zwischen der "68er"- und der "89er"-Geschichtslehrer-Generation;
im Osten ist, wie Oral history-Projekte und andere didaktische Experimente
erweisen, das Thema noch so nah, daß auch offene Frageversuche
als Vorwurfshaltung ankommen und entsprechende Kritik der Eltern
(generation) provozieren können. Eine Anregung der Debatte
ging dahin, das Thema "DDR" aus dem engeren Kontext des
Faches Geschichte zu erlösen und verstärkt in Gebieten
wie Kunst, Literatur usw. aufzugreifen.
Thomas Lutz, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Berliner "Topographie
des Terrors" und seit beinahe 20 Jahren Vernetzer der (west-)
deutschen NS-Gedenkstättenszene, fiel die schwierige Aufgabe
zu, die Auswirkungen der SBZ-DDR-Aufarbeitung für die NS-Gedenkstätten
zu analysieren. Was wird aus den Säulen der westdeutschen Geschichtskultur
nach 1990, bleibt es bei einer breiten, nicht-partikularen Anerkennung
aller Opfergruppen, wie sie sich seit den 80er Jahren etabliert
hat, ist die "Einzigartigkeits-These" des Historikerstreits
haltbar geblieben? Zunächst hielt er fest, daß die Ausstattungsstandards
der DDR-Gedenkstätten auf dem Umweg über das Förderprogramm
der Bundesregierung nun in einigen wichtigen West-Gedenkstätten
(Dachau, Bergen-Belsen, Neuengamme) Einzug halten. Diese und andere
Entwicklungen zeigen, daß das Gedenken, vormals ein Oppositionsprojekt,
"in die Mitte der Gesellschaft gerückt ist". Er konzedierte,
daß die DDR-Themen und -Gedenkorte in den NS-Gedenkstätten
Verunsicherungen hervorgerufen haben, z.T. weiterhin ignoriert werden,
es jedenfalls wenig Austausch zwischen den beiden Institutions-Landschaften
gebe. Und wie bereits P. Haustein verwies er auf die Chancen dieser
Irritation: Die Schwarz-Weiß-Scheidung von Tätern und
Opfern, die bisherigen Opferhierarchien werden durch die Beschäftigung
mit den stalinistischen und nachstalinistischen Repressionen durcheinandergeschüttelt,
und Profis wie "Laien" sind mit der Frage konfrontiert,
ob und wie man "schuldiger Opfer" gedenken kann.
Lutz plädierte für eine gemeinsame professionelle Weiterentwicklung
und vergleichende Forschung. Die an den DDR-Erinnerungsorten stärker
präsenten Fragen nach dem alltäglichen Mitmachen in der
Diktatur und den "kleinen Tätern" seien beispielsweise
fruchtbare Stimuli auch für die anderen Gedenkstätten
- vom Westen könne vielleicht etwas über die allmähliche
Veränderung von Zeitzeugenschaften und Selbstverortungen in
der Vergangenheit gelernt werden? Die unvermeidliche Internationalisierung
der Geschichtsdiskurse zwingt auch aus seiner Sicht dazu, von "deutschen
Glaubensbekenntnissen" Abschied zu nehmen und Staatsverbrechen
und Menschenrechtsverletzungen vergleichend zu diskutieren.
Zwei große Aufgaben könnten es sein, die nach den Erkundungen
der Projektveranstaltungen und der Auswertungstagung auf der Tagesordnung
stehen: zum einen die präzisere Bestimmung des didaktischen
Repertoires von Gedenkstätten und Erinnerungsorten zur DDR
- im Unterschied und in Fortsetzung zur Arbeit anderer Gedenkorte
- zum zweiten eine grundsätzliche Verständigung über
den normativen "Hitzegrad" dieser Orte. Damit sind Entscheidungen
gemeint, die sicherlich im konkreten Einzelfall von Ort, Ziel und
Zielgruppe getroffen werden müssen: über das Verhältnis
von empathischem Gedenken und sachlichem Lernen, von "großer"
und "kleiner" Geschichte", über den Stellenwert
von DDR-Repression und DDR-Alltagsleben, eine Verortung im Kontinuum
von "Gesprächsangebot" und "Konfrontation mit
der Wahrheit", ein Ausweichen vor den beiden Extrempolen "Minderheitenprogramm
für Ex-Oppositionelle" und Relativismus/DDR-Nostalgie.
Der Anspruch der Multiperspektivität löst sicherlich nicht
alle diese Probleme auf, aber die biografische Nähe des Ausgestellten
zu den meisten Besuchenden zwingt diese Institutionen, unter Aufrechterhaltung
klarer normativer Maßstäbe für Demokratie und Menschenrechte
auch Gespräche über "das richtige Leben im falschen
System" zuzulassen, Zeitzeugenschaften jeder Couleur in die
alltägliche Arbeit einzubauen, ohne sie überzubewerten.
Führt die Thematisierung des "Alltags", wie manche
Exponenten der Gedenkstätten befürchten, in die DDR-Apologie?
Die Mehrzahl der ExpertInnen meldete daran Zweifel an: Das Interesse
an Themen des "Alltags" und des "gelebten Lebens"
kann auch eine Chiffre sein für die Forderung nach einem komplexen
DDR-Bild, und eine verantwortungsvoll moderierte Auseinandersetzung
darüber führt nahezu zwangsläufig auf das "Ganze",
die Relation von Individuum und Staat, Strategien der Selbstbehauptung
und Kosten der Anpassung. Es sollte an den Erinnerungsorten der
DDR-Geschichte Ankerpunkte auch für eine solche Selbstverständigung
der "Mitläufer" (und für die Orientierungsbedürfnisse
von anderen, nicht DDR-erfahrenen Gruppen) geben.
Eine "fruchtbare Anarchie der Rezeption" sah Andreas
Ludwig am Werk - Heidi Behrens kleidete den gleichen Umstand in
die Frage, warum es immer noch eine gewisse Tabulosigkeit beim Reden
über die DDR gebe. Vielleicht hilft auch da die ach so oberflächliche
Analogie: Welche "Sagbarkeitsregeln" (Habbo Knoch) beim
Sprechen über die NS-Erfahrung waren im Jahre 13 nach der Befreiung
vom nationalsozialistischen Regime ausgebildet und durchgesetzt?
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