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Immer noch crazy?
Grundsätze alternativer Erwachsenenbildung revisited
Paul Ciupke/Norbert Reichling

Als 1982 die Landesarbeitsgemeinschaft für eine andere Weiterbildung in Nordrhein-Westfalen von etwa 20 Einrichtungen gegründet wurde (die Namensgebung "alternativ" wurde verworfen), mußten natürlich Selbstverständnisse nach innen festgehalten und Ansprüche nach außen proklamiert werden. Wir haben damals daran mitformuliert - wie nehmen sich die damaligen Kernaussagen heute aus? In aller Kürze soll im folgenden geprüft werden: Was bleibt und und was muß heute als schief oder problematisch gelten?

Die Kernaussagen zu dem, was alternative Bildungsarbeit sein sollte, umreißen ein in erster Linie politisch ausgerichtetes Selbstverständnis, das "Bildungsarbeit als wesentlichen Bestandteil gesellschaftlicher Bewußt- und persönlicher Subjektwerdung" beschrieb. Die Unabhängigkeit von Parteien, Großverbänden und Gemeinden wurde besonders betont. Obgleich diese Freiheit bei fast allen heute zur LAAW gehörigen Bildungswerken, und das sind fast 50, weiterhin besteht, wird die LAAW dennoch oft der Partei Bündnis 90/Die Grünen zugeordnet. Das mag vom Milieu der Teilnehmerschaft her manchmal richtig sein, auch kann die LAAW in politischen Konflikten eher auf diese Partei zählen. Angesichts der heutigen Politikferne vieler Mitgliedseinrichtungen und ihrer Bildungsangebote aber stimmt diese Beobachtung dennoch nur teilweise: Die "persönliche Bewußtwerdung" würde nach dem gegenwärtigen Selbstverständnis das Moment der gesellschaftlichen Bewußtwerdung doch eindeutig überwiegen (obwohl der Anteil politischer Bildung in unserem Landesverband immer noch überproportional hoch ist).

Das Selbstverständnis wurde damals in 5 Merkmalen folgendermaßen zusammengefaßt:

  • 1. Wir wollen keine Bildungsarbeit im von der Wirklichkeit abgesonderten pädagogischen Ghetto, sondern mit unseren Angeboten dorthin gehen, wo soziale Konflikte existieren und ausgetragen werden (also z.B. in die Stadtteile, zu Initiativgruppen).
  • 2. Wir wollen die Trennung zwischen politisch-sozialem Handeln und politisch-sozialer Bildungsarbeit ansatzweise aufheben und in Zusammenarbeit mit sozialen Bewegungen (Ökologiebewegung; Frauenbewegung, Arbeiterbewegung, Friedensbewegung, Selbsthilfegruppen) Konzepte des Überlebens und Besserlebens erarbeiten.
  • 3. Wir wollen die Weiterbildung für neue Zielgruppen öffnen, uns ein Stück weit mit ihnen engagieren und ohne Bevormundung zu ihrer Orientierung und Selbstverständigung beitragen (z. B. Arbeitslose, Ausländer).
  • 4. Wir wollen eine Bildungsarbeit versuchen, die den ganzen Menschen zum "Gegenstand" hat, also intellektuelle, soziale und kreative Fähigkeiten unserer Kursteilnehmer gleichermaßen freilegt.
  • 5. Wir wollen (im oft engen Rahmen von Weiterbildungsgesetz, Verwaltungsvorschriften und finanziellen Möglichkeiten) ein von hauptberuflichen und nebenberuflichen Mitarbeitern sowie Teilnehmern weitgehend selbstbestimmte Bildungsarbeit ohne Zensur durch gesellschaftliche Instanzen oder gesellschaftliche Großorganisationen."

Zu 1.: Die Öffnung der Weiterbildungsangebote in lokale Öffentlichkeiten hinein, das Erschließen neuer Lernorte, die Vernetzung mit Initiativen und anderen Kooperationspartnern, das ist gewiß damals wie heute sinnvoll und gelungen - allerdings gilt dies nicht nur für die alternative Weiterbildung, sondern generell haben sich Weiterbildungseinrichtungen immer stärker geöffnet. In dem sozialen Pathos dieser Formel spiegelt sich auch eine politische Ambition, die der Bildung (zu)viel zutraut. Und soweit wir hier "Unterprvilegierte" anklingen ließen: die haben mit den Angebioten der LAAW-Einrichtungen, die seit langem besonders nahe am "Markt" arbeiten mußten, mindestens die gleichen kulturellen und finanziellen Zugangsprobleme wie mit denen kommunaler und konfessioneller Bildungswerke.

Zu 2.: Der Zusatz "ansatzweise" deutet auf gewisse Resthemmungen hin, politisches und pädagogisches Handeln ineinszusetzen. Gewiß hatte man damals im Sinn, solche Unterscheidungen eher aufzuheben, heute allerdings erscheint die relative Autonomie des Pädagogischen auch als Errungenschaft: Diskutieren ohne sich bekennen und entscheiden zu müssen, ist auch ein Stück Freiheit. Nicht nur Altersresignation spricht also für genauere und vorsichtigere Zielformulierungen: Die Eigenlogik professioneller (Bildungs-) Arbeit ist eben auch gegen alternative politische Entschlossenheiten zu verteidigen.

Das Stichwort des "Überlebens" verweist vor allem auf den engen Zusammenhang zu den Weltsichten der Friedens- und Anti-AKW-Bewegung. Ihre Krisen und Verschwörungsszenarien sind auch heute nicht rundweg zu widerlegen, erscheinen uns aber heute apokalyptischer als der politische Verstand erlaubt. Im "Besserleben" klingt aber gleichzeitig auch so etwas wie ein Bündnisangebot an reformerische Politik an - darauf ist ja mit der allmählichen "Etablierung" der LAAW in der Landespolitik auch zurückgegriffen worden.

Zu 3.: Neue Zielgruppen konnten letztlich nur sehr begrenzt angesprochen werden. Vielleicht Teile der EinwandererInnen - Arbeitslose wurden gewiß nur sehr eingeschränkt erreicht. Ob wir die sich allmählich situierenden ehemals alternativen und heute gut versorgten Vertreter und Protagonisten der neuen sozialen Bewegungen (die "modernen" Milieus) damit meinten, ist doch fraglich - da haben wir sicherlich heute eine Stärke. "Ein Stück weit engagieren ..."? Ogottogott, von uns hat Björn Engholm das gelernt! Und "ohne Bevormundung"? Wer weiß das? Da haben wir doch wohl auf eine Norm geschworen, die sich vielen von uns erst später als sinnvoll erschloß ...

Zu 4.: Der "ganze Mensch": das ist eine problematische und ideologische Konstruktion, auch ein Einfallstor für Ideologien und Esoterik. Darüber wurde - immerhin! - in der LAAW schon Mitte der 80er Jahre heftig debattiert, bevor andere die "subjektivistische Wende" entdeckten. Dennoch zeigt das Einbeziehen z. B. psychosozialer und kultureller Dimensionen in den methodischen Aufbau von Veranstaltungen einen professionellen Fortschritt an, den inzwischen nicht nur die Einrichtungen der LAAW propagieren und praktizieren. In unserem Kontext aber überwiegen heute die "personenbezogenen" und kulturellen Angebote, die sozialen Potenzen sind fach- und richtungsübergreifend verstärkt gefragt. Die heutigen Beschreibungen von Ganzheitlichkeit sind genauer (Hirnhälften, NLP-Techniken ...), aber haben solche Formeln noch einen Rest von Subversivität und was machen wir eigentlich aus diesen Kontextverschiebungen?

Zu 5.: Für die meisten LAAW-Einrichtungen kann man auch heute eine vergleichsweise freundliche, selbstbestimmte und egalitäre Arbeitsstruktur und Arbeitskultur annehmen. Das wirkt sich, wenn wir unseren Eindrücken trauen dürfen, auch auf die Kommunikationskultur nach außen aus: in "Kundenzufriedenheit", treuen Teilnehmer-Gemeinden rund um die Bildungswerke, starker Bindung von KursleiterInnen. Gremien und Vorstände unterstützen eher, als daß sie andere als sachliche Gesichtspunkte in die Arbeit hineintragen, von Zensur der pädagogischen Arbeit zu schweigen. Starker Druck kam und kommt mehr (und früher als anderswo!) von der ökonomischen Seite.

Daß solche Autonomie auch ein Schmoren im eigenen Saft bedeuten kann, spüren vor allem die pädagogischen MitarbeiterInnen, die in 1-Personen-Institutionen arbeiten: Austausch, Fortbildung und Coaching müssen sie sich suchen durch verstärkte Präsenz in Supporteinrichtungen, Fachgruppen usf. Hinzukommt die leidige Gesamtverantwortung: Die Utopie von Konzeptentwicklung, Öffentlichkeitsarbeit, Veranstaltungsplanung- und durchführung, Evaluation, Management, Buchhaltung, Glühbirnenwechseln und Klopapierholen in einer Hand ist etwas abgenutzt - Gewaltenteilung und Rollendifferenz haben für uns an Attraktivität gewonnen. Mit anderen Worten: es gibt offene und versteckte Hierarchien, und auch Mobbing soll schon gesichtet worden sein.

Trendsetter und "Trüffelschwein" in vielen Fragen gewesen zu sein, ist ja auch nicht wenig; bei allen Normalisierungstendenzen bleibt die etwas lautere "Klappe" und die etwas schnellere Entwicklung ein spezifisches Markenzeichen der LAAW (-Mitglieder). Das schließt einen breiten Konsens mit den anderen Strömungen der Weiterbildung nicht aus: "In der mit den Teilnehmern gemeinsam erarbeiteten Fähigkeit und Bereitschaft zu politischem und sozialem Handeln sehen wir die wichtigste Aufgabe der Weiterbildung und unsere Parteinahme" - mit dieser Grundaussage ist gewiß ein auch heute noch aktueller Klassiker gelungen: Wenn auch bei uns wie überall mehr Individualismus und Offenheit, weniger Moral und stärkere politische Zurückhaltung unübersehbar sind - Bildung als ein öffentliches und auf Marktkorrekturen durch Subventionen angewiesenes Gut zu propagieren, hat im Jahre 2000 noch stärker als 1982 oppositionellen Biß.

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