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Ohne antifaschistisches Pathos? Neue Arbeitsformen und Zugänge
zum Lernfeld "Nationalsozialismus"
Heidi Behrens und Norbert Reichling
Worum soll es gehen? Um (notwendige?) Veränderungen und Entwicklungen
in der Gedenkstättenarbeit, um neue Themen, einige didaktisch-methodische
Überlegungen und eine kurze Zusammenfassung
In Gedenkstätten verbinden sich Geschichtswissenschaft und
politische Bildung auf eine Weise, wie PädagogInnen sie in
neutralen' Bildungsstätten nicht erreichen können,
insofern sind sie wie auch Museen "besondere Lernorte".
Gedenkstätten können zum einen, anders als herkömmliche
Bildungseinrichtungen, "die Vielfältigkeit der Vergangenheit
auf lebensgeschichtlicher Grundlage" reflektieren (P. Steinbach).
Zum anderen bringt die Authentizität eines Gedächtnisortes
selber besondere Vergewisserungsqualität hervor. "Diese
steinernen Zeugen' sind das Dokument dafür, daß
sich dieser Teil der deutschen Geschichte ereignet hat. Der reale
Ort bietet Anlaß, Leiden, Hoffnung, Vereinzelung und Überlebenswillen,
Entwürdigung und Sehnsucht zu vergegenwärtigen",
so Thomas Lutz von der Berliner Dokumentation "Topographie
des Terrors". Das Bewußtsein dafür, daß vielfältige
Wirkungen von den authentischen Orten selber ausgehen, daß
sie nicht nur ein "Geschichtsbuch mit anderen Mitteln"
sind, hat sich mehr und mehr durchgesetzt.
Eine Wende in der Gedenkstättenarbeit
nach dem Ende der "Nachkriegszeit"
Die Gedenkstättenpädagogik der 70er und 80er scheint in
ihrer mahnenden Variante an ihr Ende zu kommen. Heute gehe es weniger
denn je darum, den Teilnehmern an Veranstaltungen und Besuchern
bestimmte Bekenntnisse abzuverlangen, sie erzieherisch an die Hand
zu nehmen. Die Neuorientierung von Gedenkstätten und Gedenkstättenarbeit
erlaubt es, über neue Ansätze und Intentionen nachzudenken.
Wie ist es zu einer Neuorientierung in der Gedenkstättendiskussion
gekommen? Das Datum "1989", das Ende der Blockkonfrontation,
spielt dabei in zweifacher Hinsicht eine Rolle: zum einen scheint
damit die "alte" Bundesrepublik zum ersten Mal historisierbar,
zum anderen wurde der Antifaschismus der DDR einer genaueren Betrachtung
und Kritik unterzogen - mit Wirkungen auf die Geschichtsbilder und
die pädagogische Arbeit auch im Westen.
Die vereinigte Bundesrepublik befindet sich gegenwärtig in
der Phase der Anstrengung, ein gemeinsames Selbstverständnis
- auch in Bezug auf die Vergangenheit - zu finden.
- Gedenkstätten im Westen waren örtlich und überörtlich
lange Zeit Einrichtungen einer Art "Gegengeschichtsschreibung".
Diese Funktion hat allmählich nachgelassen, weil der Kampf
gegen das Beschweigen in großen Teilen erfolgreich gewesen
ist; seit Mitte der 80er Jahre, insbesondere seit dem Historiker-Streit,
ist der Holocaust, wie es Jarausch und Hohls ausgedrückt
haben, "zentraler Referenzpunkt im kulturellen Gedächtnis
der Bundesrepublik"; die NS-Auseinandersetzung ist Teil einer
gewandelten und sich weiter wandelnden Selbstdefinition der Bundesrepublik
geworden. Dies ist das Ergebnis jahrelanger schwieriger öffentlicher
Auseinandersetzung, insbesondere des Engagements von Opferverbänden,
von Bürgerinnen und Bürgern für die Einrichtung
von Gedenk-, Dokumentationsstätten und Erinnerungstafeln.
Heute hat außerdem in den Medien die Reflexion über
den Umgang mit dieser Vergangenheit - auch schon als Teil von
Dauerausstellungen in Gedenkstätten - stark zugenommen.
- Gedenkstätten in der DDR legitimierten nicht nur die Positionen
und die Politik der KPD/SED, sondern vor allem die Existenz des
Staates DDR. Die staatstragende Funktion von Gedenkstätten
ging auf Kosten der wissenschaftlichen Genauigkeit und der Diskussion
über offene Fragen, wie die Rolle des Widerstands, den alltäglichen
Faschismus, den Rassismus. Vor allem aber geriet der Völkermord
zu einer Randerscheinung in einem von Gesetzmäßigkeiten
bestimmten Geschichtsbild. Die Geschichtsschreibung der DDR hat
von 1949 bis zum Ende der 80er Jahre - von Nuancen abgesehen -
ihr Bild nicht verändert, Korrekturen und Revisionen mußten
sich daher nach 1989 verstärkt einstellen. Mit den Worten
von Annette Leo: "Die in der DDR-Gedenkstättenarbeit
vermittelten Lehren aus der Geschichte sind heute nicht mehr zu
haben".
- Zu einer Neubestimmung trägt auch die Diskussion über
die im Namen des Kommunismus verübten Verbrechen bei diese
haben die ausschließliche Beschäftigung mit der Zeit
von 1933 bis 1945 quasi "gestört". Spätestens
an solchen Gedenkorten, die eine "doppelte" Geschichte
aufweisen, insbesondere Buchenwald und Sachsenhausen, aber auch
in der Mahn- und Gedenkstätte Münchner Platz in Dresden
oder dem Justizgebäude am Demmlerplatz in Schwerin werden
wir von der Örtlichkeit zu einer erweiterten, vielfach unbequemen
Wahrnehmung gezwungen und zu Versuchen einer komplexeren "Einordnung"
des Geschehens. Mit dieser Perspektivenveränderung geht eine
Erweiterung des Gedenkstättenbegriffs und der Gedenkstättenarbeit
einher: Dem Netzwerkforum der Topographie des Terrors gehören
nun auch, vor 1989 undenkbar, solche Institutionen an, die sich
mit dem Staatsterror in der SBZ und späteren DDR befassen.
Der Verdacht, damit könne Gleichsetzung betrieben oder die
NS-Geschichte allmählich entsorgt werden, begleitet diese
Entwicklung des Gedenkstättenbegriffs, wie sich an hochemotionalen
Debatten im selben Netzwerkforum auch weiterhin nachvollziehen
läßt.
- In der Gedenkstättenarbeit haben wir es mit einem Generationenwechsel
zu tun. Die zweite Generation nach dem Holocaust, die die Etablierung
und die Professionalisierung dieser Einrichtungen betrieben und
bis heute getragen hat, verliert langsam ihre Vorrangstellung.
Und die Generation der bewußten Zeitzeugen des Nationalsozialsmus,
diejenigen, die als Jugendliche oder Erwachsene überleben
konnten, ziehen sich aus der öffentlichen Diskussion zurück
oder sind bereits nicht mehr unter uns. Als letzte vehemente Wortmeldung
von Repräsentanten - sowohl der verfolgten Minderheit als
auch der Mehrheitsgesellschaft - gilt die Walser-Bubis-Kontroverse
von 1998.
Die Enkel-Generation, heute zwischen 25 und 35 Jahre alt, meldet
sich beispielsweise in Gestalt der "Stiftung für die
Rechte zukünftiger Generationen" zu Wort. In einer Publikation
dieser Stiftung über Geschichte und Gedenken mit dem Titel
"Was bleibt von der Vergangenheit. Die junge Generation im
Dialog über den Holocaust" ist eine deutliche Aufforderung
herauszuhören, bisherige pädagogische Ambitionen zu
überdenken. Das "Betroffenheitsengagement" der
Älteren, insbesondere der "68er"-Generation, wird
von den Autorinnen und Autoren distanziert betrachtet.
Aus den genannten Tendenzen entwickelt sich eine veränderte
Geschichtskultur, die weniger in Schwarz-Weiß-Kategorien als
in Widersprüchlichkeiten argumentiert. Geschichtspolitik zeigt
sich nunmehr weniger ideologisch. Zunehmend wird anerkannt, daß
das Streiten über Geschichte Bestandteil politisch-demokratischer
Kultur ist und kein definierbares Ende haben wird.
Somit kann sich auch Gedenkstättenarbeit stärker von
der Wissenschaft leiten lassen und ihre pädagogische Arbeit
nicht allein als Vermittlung gesicherten Wissens verstehen, sondern
als deutende, von Kontroversität bestimmte Auseinandersetzung
mit Zeitgeschichte und Politik. Mit dem Blick auf Ereignisse der
NS-Zeit, insbesondere mit den Ergänzungen und Interpretationen
durch die Forschungen der letzten Jahre, sind ambivalente Verstehensprozesse
gefragt, d.h. Prozesse, die eher von weiteren Fragen als von plausiblen
Antworten bestimmt werden.
Neue Themen
Die "großen" Geschichtstheorien, speziell die in
den 70er und 80er Jahren in vielen Gedenkstätten gültigen
Faschismustheorien, haben sich aufgelöst zugunsten verschieder
Theorieansätze kürzerer Reichweite und neuer Fragestellungen.
So verschob sich das Augenmerk hin:
- zu Täterbiographien: Ulrich Herberts Studie über Werner
Best, Stellvertreter Heydrichs und u.a. Reichsbevollmächtigter
in Dänemark, aus dem Jahr 1996 ist zu nennen und im Anschluß
die Erforschung einzelner Männer der Wannsee-Konferenz,
- zur Vernichtungspolitik in Osteuropa, zwei vielbeachtete Veröffentlichungen
von 1996 über den Holocaust von Thomas Sandkühler und
Dieter Pohl.
- 1996 war ein produktives Jahr auch zur Aufarbeitung des Einsatzes
der Polizeibataillone -Arbeiten von Christopher Browning und Daniel
Goldhagen - hier interessierten besonders die Lebensverläufe,
die sozialen Prägungen, die Verhaltensspielräume und
Motive der einzelnen und damit neue Fragen an ihre Verantwortlichkeit.
Die Einrichtung der Münsteraner "Villa ten Hompel",
in der Polizei- und Verwaltungshandeln dokumentiert werden wird,
ist mit dieser Dynamik der neuen Themen gelungen.
- Die Wehrmacht und ihr Beitrag zum Holocaust ist - unabhängig
vom Streit um die Fotos in der Ausstellung "Vernichtungskrieg"
- neu interpretiert und breiter denn je in Deutschland diskutiert
worden
- Die Gruppe der Sinti und Roma hat stärkere Aufmerksamkeit
erfahren - außer Michael Zimmermanns Arbeiten: die Einrichtung
einer Dokumentationsstätte in Heidelberg, lokale Forschungen
z.B. in Gelsenkirchen; die Zusage eines Mahnmals in Berlin.
- Blickerweiterungen gab es zu "Arisierungen", vor allem
durch die Hamburger Forschungen von Frank Bajohr, darin geht es
auch um die kleinen' Nutznießer, die sich im Zusammenhang
mit Deportationen nicht nur in Hamburg Wertgegenstände ersteigerten,
und das Verwaltungshandeln, etwa der Finanzämter, die erheblich
bei den Enteignungen jüdischer Deutscher mitgewirkt haben
- Die Arbeitserziehungslager der Gestapo, über deren Ausmaß
und Praxis bis jetzt so gut wie nichts bekannt war, dokumentiert
Gabriele Lotfis Arbeit aus dem Jahr 2000; sie hat Einfluß
auf die Entschädigungsdebatte genommen.
- Schließlich hat Wolf Gruner 1996 eine Veröffentlichung
über Zwangsarbeitslager für deutsche Juden vorgelegt.
Nach solchen bislang unterbelichteten Themen weiter zu suchen,
hat nicht zuletzt durch einen Generationenwechsel in der Historikerzunft
den Charakter von quasi oppositioneller Geschichtsschreibung verloren.
Jüngere Fachvertreter in "Amt und Würden" haben
in den 90er Jahren einen Forschungsschub angestoßen.
Natürlich gibt es auch hier Ungleichzeitigkeiten. Beim Thema
"Entschädigung" von Zwangsarbeitern, aber auch im
Zusammenhang mit der Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht"
scheinen neben ernsthaften methodologischen Auseinandersetzungen
noch einmal auch geschichts- und erinnerungspolitische Gefechte
auf.
Zu den eingangs genannten politischen Veränderungen und solchen
der Wissenschaftsentwicklung kommen neuere pädagogische Diskussionen
hinzu, die sich von den Machbarkeitsvorstellungen der 70er und 80er
Jahre zu lösen beginnen und mehr Bescheidenheit propagieren.
Die Zeit der Überschätzung pädagogischer Programme
und operationalisierbarer Schritte einer "Erziehung nach Auschwitz"
ist vorbei.
Auch jede Form von Bewahrpädagogik ist inzwischen obsolet,
stattdessen kommt es auf vorläufige, experimentierende, individualisierende
Wege zur Wahrnehmung des Geschehenen an. Die verschiedenen Problemebenen
und historischen Schichten können zur Kenntnis genommen werden
- ohne vorschnelle Urteile, Vereinfachungen und Harmonisierungen.
Und für geschwunden hält Gottfried Kößler vom
Fritz-Bauer-Institut das naive Vertrauen in die Nutzbarkeit authentischer
Orte - das betrifft inbesondere die lange vertretene Auffassung,
mit aufrüttelnden Besuchen in Gedenkstätten, den Rechtsextremismus
bekämpfen zu können. Dies hat sich als Trugschluß
erwiesen. Aber man kann auch ein weiteres Mal Ulrich Herbert zitieren,
der auf dem letzten Historiker-Tag sagte, man müsse nichts
vom Nationalsozialismus wissen, um nicht die Wohnung von Migranten
anzuzünden.
Was heißt das für Gedenkstättenarbeit? Gedenkstätten
können angesichts dieser neuen "Freiheit" mehr denn
je den Versuch machen, sich für Experimentelles zu öffnen.
"Weiße Flecken" müssen nicht als Defizit und
Ambivalenzen nicht als Belastung angesehen werden, sie können
vielmehr bereits als Bestandteil des Bildungsprozesses gelten.
Einige didaktisch-methodische Überlegungen
Oral History und Zeitzeugenarbeit
Gedenkstätten eignen sich mehr als andere Lernorte
dazu, das historische Geschehen aus seiner Abstraktheit zu lösen.
Mit dem Stichwort "Individualisierung" ist ein ausstellungsdidaktischer
und pädagogischer Zugang angesprochen, der einzelne Personen
und Lebenswege ins Blickfeld der Besucher rückt. Dies geschieht
vielfach auch durch das Zusammentreffen mit Überlebenden. Die
Begegnung mit Zeitzeugen zeigt allerdings, daß dabei nicht
nur ein fallbezogenes methodisches Vorgehen seinen Ausdruck findet,
sondern die Lernsituation zugleich eine starke Emotionalisierung
erfährt.
Die erwartete Authentizität allein gibt meist nicht den Ausschlag,
wenn Zeitzeugen in eine Bildungsveranstaltung eingeladen werden.
Es ist noch zuwenig analysiert, welche offenen und uneingestandenen
Absichten Pädagogen damit verfolgen. Eine Instrumentalisierung
sowohl der Teilnehmer/innen als auch der Zeitzeugen läßt
sich daher nicht ausschließen. Bildungsarbeit mit Zeitzeugen
als ein hochbrisanter Verarbeitungsprozeß muß konzeptionell
durchdacht, begleitet und methodisch sinnvoll unterstützt werden
Während die Reflexionen über die Arbeit mit Zeitzeugen
noch nicht abgeschlossen sind, beklagen Pädagoginnen und Pädagogen
gleichzeitig ihren voraussehbaren Verlust. Denn diese stehen, soweit
sie den Nationalsozialismus als Heranwachsende oder Erwachsene bewußt
erlebt haben, nicht mehr wie in den Jahrzehnten davor für die
Arbeit in Bildungseinrichtungen und Gedenkstätten zur Verfügung.
Videos und Interview-Dokumente wie sie die Spielberg Foundation
gesammelt hat, aber auch fiktionale Herangehensweisen, vielgesehene
Spielfilme wie "Das Leben ist schön" zeugen davon,
dass andere Formen der Überlieferung an ihre Stelle treten
werden. Auch symbolische Mittel könnten noch mehr an Bedeutung
gewinnen, beispielsweise Koffer, Fotos und andere Relikte, die im
übertragenen Sinn Geschichten erzählen.
Methodenvielfalt
Quellenarbeit
Gedenkstätten weisen bereits ein eindrucksvolles Repertoire
an Methoden auf. Für die traditionelle Geschichtsdidaktik gilt,
daß die Arbeit mit Quellen eng mit historischer Erkenntnis
zusammenhängt. Erst die Komplexität und Anschaulichkeit
von Quellen bedinge Einsicht in historische Zusammenhänge und
Mechanismen (Kappes 1984). Bodo von Borries sieht - bezogen auf
die Schule - in einem methodenorientierten Geschichtslernen "die
einzige noch mögliche Form von Wissenschaftsorientierung",
wenn auch eine besonders schwierige (1999, S. 277). Selbst wenn
man den Ertrag von Quellenarbeit wenig hoch ansetzt: In jedem Fall
wird das "forschende Lernen" durch das Studium von Quellen
angeregt. Das kann mit Bildquellen, mit Dias, Fotografien oder mit
Filmmaterial geschehen.
Gerade an historischen Fotos läßt sich ein Umgang mit
verschiedenen Wirklichkeiten "schulen". Warum man genau
hinschauen sollte, hat der Streit um die Wehrmachtsausstellung noch
einmal ganz scharf demonstriert: Sie sind nicht so eindeutig, wie
wir auf den ersten und zweiten Blick glauben, wir sind unzureichend
geschult, sie genauso kritisch zu analysieren wie Text-Dokumente,
die Genauigkeit der Überlieferung ist - auch in Archiven -
oft eine Katastrophe.
Was kann man tun? Die Analyse fängt mit den ganz einfachen
Dingen - einer Bildbeschreibung sozusagen - an: Was ist zu sehen,
aus welcher Perspektive, wie sind Personen, Dinge, Landschaft einander
zugeordnet usw. Fundstellen und Urheber der Fotos sind oft nicht
eindeutig zu identifizieren, aber schon diese einfachen Fragestellungen
können den Blick auf Wesentliches lenken: Wer durfte und konnte
in dieser Situation Bilder machen? Was war der Anlaß und das
Motiv, ist etwas arrangiert? Diese schlichten Fragen führen
nämlich schnurstracks zur Problematik dessen, "was fehlt"
oder inwiefern" die Bilder lügen"! Wenn wir etwas
herausfinden können (oft unmöglich) oder uns wenigstens
Gedanken machen über die Absichten dieses Stücks Überlieferung,
über die Rahmenbedingungen, die wir nicht im Bild sehen (wo
sind eigentlich die Aufseherinnen, der Terror, die Arbeitszeiten
und sonstigen Lebensbedingungen auf den bekannten allzu glatten
Ravensbrück-Bildern aus dem sog. SS-Fotoalbum?), ist der Sinn
für Nuancen bereits wesentlich geschärft.
Aber es ist ja noch komplizierter: Der "Sinn" von Bildern
wandelt sich im Laufe der Zeit. Ein Beispiel sind die Soldaten-Knipserfotos
von der Ostfront. Sie sind sicherlich nicht produziert worden, um
das Grauen zu dokumentieren,das wir heute in ihnen sehen müssen.
Die Fragen dazu könnten z.B. lauten: Wer macht welche Fotos,
wer überliefert, versteckt, vernichtet welche Bilder? Welche
"Karrieren" und Veränderungen in der Wirkung machen
solche Bilder durch , die seit 1946 zur Aufklärung über
die NS-Verbrechen eingesetzt wurden?
"Eindeutig", wie man gerne hoffen möchte, ist nichts
an historischen Fotos, und eine quellenorientierte Bildungsarbeit
kann auch und gerade im Multimedia-Zeitalter nicht darauf verzichten,
hier Kritikfähigkeit regelrecht einzuüben. "Genauigkeit
läßt Bilder sprechen" ist unsere Hauptthese zu diesem
Komplex - und zu dieser Genauigkeit gehört Beschreibung, Aufklärung
des Entstehungskontextes, der Vergleich mit anderen Quellensorten
und die Reflexion von Wirkung, Sinn und Deutungen im Gespräch.
Ähnlich verhält es sich mit Akten. Die häufig benutzte
(falsche) Entgegensetzung subjektiver und anderer Quellen suggeriert,
Akten stünden der historischen Wahrheit näher. Die Vertiefung
in Gestapo-Akten erlaubt es, als Bestandteil des Lernprozesses,
vorübergehend einen "Täterblick" einzunehmen
und der Entstehung solcher Dokumente in einem gemeinsamen Rechercheprozeß
weiter nachzugehen. Beispielhaft die didaktisch aufbereiteten Materialien
von Antje Kahl über Täterinnen im KZ Ravensbrück.
Die Intention von Quellenarbeit ließe sich - noch einmal
mit Bodo v. Borries - in zweierlei Richtung beschreiben: im rekonstruierenden
Verstehen der Vergangenheit einerseits und im "gegenwartsbewußten
Bewerten" andererseits. "Beide sind nicht identisch oder
wechselseitig ersetzbar, aber auch nicht trennbar oder gegeneinander
ausspielbar".

Halbfiktive Biographien und perspektivisches
Schreiben
Die Methoden wurden angeregt von "Facing History and Ourselves",
einem Konzept, das - aus den USA kommend - in die Geschichte und
Wirkungen des Holocaust einführen möchte, indem es eine
Vorstellung davon zu vermitteln sucht, welche Bedingungen auf die
Entscheidungsfindung der einzelnen eingewirkt haben. Es stellt darüber
hinaus eine Verbindung her zwischen Geschichte und Kenntnissen über
demokratische Freiheiten und Bürgerrechte.
Das Etikett "Lernen aus dem Holocaust", das in den USA
problemlos verwendet wird, verbot sich in Deutschland. Die Autoren
der deutschen Variante "Konfrontationen" formulieren es
so: "Die Geschichte des Holocaust wird unter dem Gesichtspunkt
vorgestellt, historische Entscheidungssituationen, deren Komplexität
und deren Relevanz für heutiges Handeln zu reflektieren"
(Kößler). Daß dabei der Gegenwartsaspekt eine besondere
Rolle spielt, nimmt auch Rücksicht auf Veränderungen in
der bundesdeutschen Gesellschaft: die dritte Generation von Einwanderern
setzt sich anders mit der NS-Geschichte auseinander als die Mehrheitsgesellschaft,
sie stellt Bezüge zum eigenen Minderheitenstatus in Deutschland
her. Das Konzept "Konfrontationen" bietet hierfür
neue Möglichkeiten der Auseinandersetzung.
Das vom Fritz-Bauer-Institut in Frankfurt a.M. entwickelte deutsche
Konzept "Konfrontationen" besteht aus vielen sehr unterschiedlichen
methodischen Elementen ("Bausteinen"), aus Schreiben,
Filmanalyse, Dramapädagogik, Selbst- und Gruppenreflexion zum
Thema Identität' und Diskriminierung'.
Das sogenannte perspektivische Schreiben ist einer der Bausteine,
die uns aus dieser Methodensammlung am meisten überzeugen.
Man könnte sagen, es geht um ein schriftliches historisches
Rollenspiel. Hier werden die Lernenden aufgefordert, sich in Kleingruppen
mit Biographie-Bruchstücken aus der Zeit des Nationalsozialismus
auseinanderzusetzen und die so vorgegebene Ausgangslage anhand vorgegebener
historischer Stationen fortzuschreiben. Damit sollen exemplarische
Gruppen und Charaktere in exemplarische Situationen gestellt werden,
und die Schreibenden sind genötigt, sich mit den Verhaltensspielräumen
in einer Diktatur, daraus entstehenden ethischen Dilemmata auseinanderzusetzen.
Ausgewählte Quellen zu den vorgeschlagenen Situationen oder
- noch besser, die Einbettung in eine längere Befassung mit
dem Kontext - tragen dazu bei, daß nicht nur Vorwissen und
Phantasie diesen Experimentierprozeß lenken, sondern auch
historisches Wissen. In der Regel haben die Frankfurter Kolleginnen
solche Rollen ausgewählt, die einem typisierten Pluralismus
von Blickweisen nahelegen oder aufzwingen: die Rollen von "Opfern",
"Tätern" und "Zuschauern" nämlich.
Die biographischen Angaben sind in der Regel angelehnt an wirkliche
historische Personen und Vorgänge.
Wie unsere Erfahrungen zeigen, sollten die Vorgaben nicht zu offen
und weit sein (sonst verzettelt sich die Gruppe in unnötigen
Klärungsprozessen), aber auch nicht eindimensional: In den
Texten sollten Andeutungen von Ambivalenzen und Entscheidungsmöglichkeiten
stecken, die die Gruppe diskutieren kann, und es sollte nach unserer
Einschätzung nicht lediglich zur Debatte aufgefordert werden,
sondern ein möglichst konkreter Arbeitsauftrag einschließlich
der Festlegung einer Textsorte (Brief, Tagebuchnotiz z.B.) gegeben
werden. Wir haben diesen Ansatz mehrfach ausprobiert und variiert
- u.a. auch in einer Lehrerfortbildung in der Gedenkstätte
Ravensbrück und damit ermutigende Erfahrungen gemacht. Es kann
natürlich passieren, daß die schreibenden Gruppen in
alte oder neue Stereotypen verfallen, die sie aus Erinnerungsliteratur,
halbvergessenen Gedenkstättenerfahrungen, familiärer Überlieferung
oder sonstwoher beziehen - der Vorzug der Methode besteht aber darin,
daß der Prozeß der versuchten und vorübergehenden
Einfühlung geradezu zwangsweise mehrfach reflektiert wird:
zunächst in der Kleingruppe, deren Mitglieder sich über
Optionen, Varianten und Begründungen des "wahrscheinlichen
Verhaltens" ihres Akteurs verständigen müssen, noch
einmal im Prozeß der Verschriftlichung und schließlich
in der Gesamtdiskussion der zustandegekommenen "Geschichten".
Mehrere Ziele historisch-politischen Lernens scheinen uns in diesem
Kontext realisierbar; vor allem eine multiperspektivische Betrachtung
historischer Situationen, aber auch die Förderung einer Empathie,
die sich nicht begriffslos in Unverstandenes einfühlt, sondern
informierter als vorher ist und die Grenzen der Einfühlung
mitbedenkt.
Gedenkbuch
Gedenkbücher sind ein Versuch, Bildungsarbeit und Gedenken
miteinander zu verbinden. Was heißt das?
Einzelne oder Gruppen fragen in einer Gedenkstätte - in diesem
Fall handelt es sich um die "Alte Synagoge" in Essen -
nach einer Person, die während der NS-Zeit verfolgt und ermordet
wurde. Ziel ist es, ein Einzelschicksal ansatzweise zu rekonstruieren
und das Recherchierte zu einem späteren Zeitpunkt niederzuschreiben.
Ein erster Schritt ist meist ein Beratungsgespräch mit einer
Gedenkstättenmitarbeiterin: es geht um die Wege, wie Informationen
über ein Einzelschicksal zusammengetragen werden können.
Oder anders gesagt: welche Wege des historisch-forschenden Arbeitens
zu beschreiten sind. Individuelle Teilnehmer oder auch Gruppen werden,
wenn sie sich entschieden haben, eine Gedenkurkunde zu schreiben,
zu "Paten". Damit entsteht eine Art Kontrakt zwischen
der Gedenkstätte und einem Teilnehmer bzw. mehreren Teilnehmern.
Die Gedenkstätte fragt dann in der Regel bei Verwandten an,
ob sie bereit sind, den Teilnehmenden etwas über das Opfer
mitzuteilen, auch Dokumente zur Verfügung zu stellen. Die Gedenkstätte
macht darüber hinaus Interviews und andere Quellen zugänglich,
erwartet aber vom "Paten" weitere selbsttätige Recherchen.
Diese beschäftigen sich meist über einen längeren
Zeitraum - Wochen oder Monate - mit einem Schicksal, d.h. so lange,
bis sie in der Lage sind, einen der oder dem Verstorbenen angemessenen
Text zu formulieren. Der Bildungsprozeß endet mit einem Abschlußgespräch
in der Gedenkstätte und einem Text, der professionell gestaltet
in das Gedenkbuch eingeheftet wird.
Der Zugang "Gedenkbuch" setzt allerdings einen langen
Atem der Teilnehmenden voraus. Viele werden erstmals mit den Problemen
des "forschenden Lernens" konfrontiert; sie geraten in
Sackgassen, haben - etwa beim Umgang mit Akten - mit Frustrationen
zu kämpfen. Es bereitet auch Schwierigkeiten, ein Verfolgtenschicksal
aus der Täterperspektive nachzuvollziehen. Und nicht jede Spurensuche
führt somit zu greifbaren Ergebnissen.
Die Motivlage der "Paten" ist, so die Beobachtung von
zehn Jahren in Essen, eher im Emotionalen zu suchen. Einem Lebensverlauf
nachzugehen heißt aber auch, einen kognitiven Zugang zu finden,
wenn das Projekt erfolgreich beendet werden soll. Bei älteren
Paten gibt es häufig biographische oder familiengeschichtliche
Verbindungen zum Nationalsozialismus. Die Teilnahme kann, wie Monika
Josten schreibt, "als mehr oder weniger bewußter Versuch
angesehen werden, durch die Beschäftigung mit dem jüdischen
Schicksal mehr über sich selbst zu erfahren und die eigene
biographische Verwicklung zu klären" (1998, S. 143). Eine
Mitarbeit am Gedenkbuch scheint auch ein vertieftes Verständnis
historischer Zusammenhänge zu bewirken und bereits vorhandenes
Wissen produktiv zu machen.
Gedenkurkunden sind zweierlei: sie sind Dokumentationen des Lebens
von Ermordeten und eine Form des Denkens und Gedenkens der Paten.
Noch einmal Monika Josten: "Das bloße Vorzeigen von Betroffenheit
führt nicht zur Herstellung einer Gedenkurkunde, sondern letztlich
zum Abbruch des Versuchs" (S. 147). Von den Teilnehmern wird
mehr erwartet, nämlich Aktivität und Produktivität,
Lernbereitschaft und Reflexion in Bezug auf andere und auf sich
selbst. Ein anspruchsvolles Unterfangen also.
Multimedia
Multimedia ist nicht nur "in", sondern bietet auch tatsächliche
Chancen für neue, lebendigere, interessantere Lernformen -
dies möchten wir an vier Beispielen kurz erläutern.
Mehrere Gedenkstätten sind dabei, Datenbanken zu den Häftlingen
der betreffenden Lager aufzubauen; auch hier in Buchenwald. Ca.
140.000 Karteikarten über etwa 210.000 Personen werden bildlich
erfaß, in eine Datenbank umgesetzt und mit einer CD-ROM zugänglich
gemacht. Solche Projekte sind nicht nur für die weitere Forschung
eine unendliche Arbeitserleichterung, sondern können auch für
bildende Zwecke nützlich sein: Schülerinnen und Schüler
könnten in diesem Archiv auf Spurensuche gehen, Einzelschicksalen
nachgehen, die sie aus der Erinnerungsliteratur kennen, nach Häftlingen
aus ihrer Stadt suchen, die Bedeutung bestimmter Häftlingsgruppen
recherchieren usf. Dies unterstützt die Individualisierung
und Konkretisierung des Gedenkens und wäre auch für regionalgeschichtliche
Analysen oder Gedenkbuch-Projekte nutzbar.
Ein ganz aktuelles Beispiel, welche revolutionäre Chancen
die neue Technik birgt, ist das "Historische Centrum Online"
der Stadt Hagen. Aus Anlaß der aktuellen Kontroversen um die
Entschädigung der ZwangsarbeiterInnen hat diese Institution
eine Vielzahl von Quellen ins Internet gestellt, die als Hilfsmittel
für Unterricht und Eigenaktivität gedacht sind: eine Firmen-Datenbank
mit Suchfunktion, genaue Berichte zu Lagern und Haftstätten,
Listen und Statistiken zu Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern,
kommunale und regionale Verordnungen über den Umgang mit diesen
Gruppen (im Faksimile), Übersichten zu den verworrenen Hierarchien
der NS-Zeit und vielerlei Links zu anderen Ressourcen im Netz. Damit
wird der Zugang zu Originalquellen in einer drastischen Weise erweitert
und erleichtert und zugleich Hilfestellung für eine weitergehende
Verortung des Themas angeboten.
Drittes Beispiel: ein "Kunstwerk im Internet". Die Hamburger
Künstlerin Sigrid Sigurdsson ist bekannt für ihre "Offenen
Archive" - das sind Räume in verschiedenen Städten
der Bundesrepublik (Frankfurt, Braunschweig, Hagen) , in denen sie
zur Niederlegung subjektiver Berichte zur Zeitgeschichte, insbesondere
zur NS-Zeit einlädt. Im Internet findet sich seit ca. 2 Jahren
"Deutschland - ein Denkmal - ein Forschungsauftrag". Hier
findet sich auf ca. 500 detaillierten historischen Landkarten der
30er und 40er Jahre der Versuch, "sämtliche nationalsozialistischen
Verbrechensorte" in Deutschland aufzulisten, dazu Datenbanken
mit Häftlingszahlen, institutioneller Zuordnung und Literaturangaben
zu den Lagern und viele ergänzende Quellen, die zwar noch nicht,
wie geplant, den Gesamtstand der Lagerforschung abbilden, aber doch
vielfältige Einstiege in z.B. regionale Recherchen und Lektüren
bieten Die "Hauptkarte" ist als reales Denkmal auch im
Hagener Karl-Ernst-Osthaus Museum ausgestellt - im Netz wird sie
von fast 4.000 Informationsseiten begleitet, die in Zukunft auch
durch Zeitzeugenberichte ergänzt werden sollen; örtliche
Zugangsterminals werden vermutlich - wie jetzt schon am Obersalzberg
- in vielen Gedenkstätten entstehen. In dieser Verbindung von
Dokumentation, Kunstwerk, subjektiven Zeugnissen und lokaler Barfußhistorie
liegt ein Spezifikum - vielleicht erlaubt das neue Medium auch Allianzen
zwischen nüchternen und empathischen Ansätzen?
Als letztes Beispiel die CD-Rom "Bottrop im Nationazialismus",
die wir aus Zeitgründen nicht vorführen können, nur
rühmen! Sie steht sozusagen für "High tech von unten",
ist nämlich von einer Bottroper Schülergruppe und einem
engagierten Lehrer mit Kosten von ein paar hundert DM produziert
worden (normalerweise kostet so etwas 50.000 bis 100.000 DM). Sie
bietet Informationstexte und Originaltöne, Bilder und Spielelemente,
Satire und Dokumente zum Nationalsozialismus in Bottrop und im allgemeinen
und wir heben sie hervor, weil sie zeigt, daß professionelles
Niveau auch durch motivierte und kreative Arbeit zu erreichen ist:
Hier liegt ( wie auch in selbstproduzierten Webseiten) eine neue
Chance für ansprechende Themendokumentationen, für eine
neue Form "alternativer Stadtrundgänge" oder die
Präsentation von Wettbewerbsbeiträgen in einer attraktiven
Form.
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Didaktische Prinzipien
Kontroversität und Multiperspektivität. Für alle
Beispiele sind Kontroversität und Multiperspektivität
zentrale Prinzipien. Was heißt das?
Gedenkstätten repräsentieren keine "ewigen Wahrheiten",
sondern sie erlauben (und fördern) die Auseinandersetzung mit
der Vergangenheit. Nicht nur Historiker streiten über Geschichte,
Kontroversität, die didaktisch reflektierte Möglichkeit,
über die Geschichte des Nationalsozialismus und seine Rezeption
seit 1945 zu debattieren, sollte auch Bildungsveranstaltungen in
und mit Gedenkstätten zugrunde liegen. Gerade bei der Thematisierung
der nationalsozialistischen Zeit sind Meinungsverschiedenheiten
von Anfang an vorherrschend gewesen, und Gedenkstätten sind
Katalysatoren einer vielfach schwierigen öffentlichen Meinungsbildung
über den Umgang mit dem Nationalsozialismus.
Neben Kontroversität ist es der verwandte Grundsatz der "Multiperspektivität",
der die pädagogische Arbeit bestimmt. Das kann beispielsweise
heißen, einer nicht vertretenen Stimme oder Erfahrung in einer
Gruppenauseinandersetzung Gehör zu verschaffen, indem diese
über ein Medium - einen Film, ein literarisches Zeugnis, ein
Referat - in den Bildungsprozeß integriert wird. Es kann auch
bedeuten, die TeilnehmerInnen zu einem Perspektivenwechsel oder
zu einer Perspektivübernahme im Gespräch oder in schriftlicher
Form zu ermuntern, beispielsweise durch die Frage, wer zur "Volksgemeinschaft"
aus welchen Gründen nicht dazugehörte, oder - je nach
Zusammensetzung der Gruppe - was einen Mitläufer im Nationalsozialismus
zu opportunistischem Verhalten gebracht oder worin die gesellschaftliche
"Attraktivität" des Nationalsozialismus für
viele, wenn nicht die Mehrheit der Deutschen, bestanden haben könnte.
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Schluß
Die skizzierte Neuorientierung der Arbeit in und mit Gedenkstätten
"geschieht" derzeit nicht nur, sondern mein Betrag ist
auch eine Art Plädoyer für eine veränderte Herangehensweise.
Eine kurze Problematisierung will ich Ihnen trotzdem nicht vorenthalten:
Ein wissenschaftsorientierter und individuierender, die Komplexität
des Geschehens berücksichtigender Zugang zum Thema Nationalsozialismus,
von dem hier die Rede ist, ruft auch Skepsis hervor. Anette Leo
schreibt: "So interessant und vielschichtig der Zugang zur
NS-Geschichte damit wird, der Verlust von Orientierungen und Gewißheiten
kann auch beunruhigen und ängstigen. Es gibt Menschen, die
sich alleingelassen fühlen in einem zunehmend unüberschaubar
werdenden historischen Prozeß, dem Sinn und Ziel abhanden
gekommen zu sein scheint. Die Sehnsucht nach einfachen Wahrheiten
wächst wieder."
Nach einer sehr wechselvollen Zeit der Auseinandersetzung mit dem
Nationalsozialismus in der Bundesrepublik und einem von geschichtspolitischen
Kontroversen unberührten Staatsantifaschismus in der DDR ist
die Öffentlichkeit nun vielleicht erwachsen genug, kompliziertere
Zusammenhänge aufnehmen und sich mit diesen auseinanderzusetzen.
Die Arbeit in und mit Gedenkstätten wird damit selbstredend
nicht einfacher, kann aber durch neue Zugänge und ein modernisiertes'
pädagogisches Verständnis nur glaubwürdiger werden.
Lassen Sie uns am Schluß noch einmal betonen, daß sich
die im Titel unseres Vortrags angedeutete Distanz zum Pathos in
der Gedenkstättenarbeit auf den überemotionalisierten
und erzieherisch verstandenen Antifaschismus der 80er Jahre im Westen
und auf den Staatsantifaschismus der DDR bezieht. Gefühle -
das ist selbstverständlich - lassen sich aus der Beschäftigung
mit dem Nationalsozialismus nicht heraushalten. Das wäre geradezu
widersinnig. Neben wissenschaftlichem Wissen gibt es auch ein "emotionales
Wissen", mit dem sich historisches Verstehen beginnen und stützen
läßt. Aber das Dilemma der Doppelnatur des Gedenkens
- einerseits Aufklärung, andererseits Andacht - stellt viel
mehr als früher eine Herausforderung für Pädagogen
dar. Eine pädagogisch und berufsethisch vertretbare Sicherheit,
"das Grauen vorstellbar" zu machen kann es nicht geben.
Volkhard Knigge, Leiter dieser Gedenkstätte, geht sogar davon
aus, daß sich die bildende' Beschäftigung mit dem
Holocaust der üblichen Geschichtsaneignung entziehe (Knigge
1992). Über Versuche einer Annäherung werden wir nicht
hinauskommen.
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